Es war einmal...
#1
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Sinah [Bild: offline.gif] 
Registriert: 10/02/2001 

Der Blinde mit der Mandoline

Der Blinde, von dem hier die Rede ist, spielte ausgezeichnet Mandoline. Die Musik war seine Freude und sein Lebensunterhalt. Was hätte er ohne sein Instrument gemacht! In seinem kleinen Zimmer gab er Teeabende für die Jugendlichen. Er hatte zahlreiche Melodien im Kopf und improvisierte immer neue. Während er spielte, tanzten die jungen Leute. Wenn sie müde getanzt waren, tranken sie Tee, den er zubereitet hatte. Einige Blätter Tee, das ist nicht kostspielig, und das Wasser gibt es umsonst. Dabei wurde geplaudert und gesungen. Und wenn seine Gäste dann spät am Abend aufbrachen, ließen diejenigen die es sich leisten konnten, ein paar Münzen auf einem kleinen kupfernen Tablett. Sie genügten dem Blinden, um Brot und Gewürze zu kaufen und etwas Kohle für seinen Ofen.
Eines Tages hörten die jungen Leute- wie alle Jugendlichen das Abenteuer liebten- von einem Schloß, in dem es spukt. Übermütig planten sie, den Blinden dorthin zu bringen, denn er würde ja nicht erkennen, wohin man ihn führte, und ihn mit den Schloßgespenstern alleine zu lassen. Sie malten sich diese Begegnung aus und belustigten sich an den grausamen Vorstellungen.
Dann bereiteten sie Lebensmittel und Kuchen vor und gingen zusammen zu dem blinden Musikanten: «Väterchen», sagten sie zu ihm, «man hat uns zu einem großen Fest eingeladen. Willst Du nicht mit uns kommen und deine Mandoline spielen? Es gibt dort sicher ein gutes Essen. Danach machst du deinen Tee und stellst dein Tablett auf. Wir garantieren dir eine hohe Einnahme.» 
Der Blinde war einverstanden. Sie brachten ihn zu dem Schloß (Gott allein weiß, wohin Blinde überall gebracht werden). Die jungen Leute hatten Freunde und Nachbarn eingeladen, um die Zahl der Festteilnehmer zu vergrößern und sich mit ihnen an dem Streich zu ergötzen, den sie dem behinderten Musikanten spielten.
Der Blinde spielte arglos und so gut er konnte seine Mandoline. Um 23:50 Uhr verließen alle auf Zehenspitzen den Saal, um den Gespenstern- die bekanntlich um Mitternacht erscheinen- nicht zu begegnen. Als der Blinde nichts mehr hörte, stellte er fest, daß sie ihn allein gelassen hatten. Er wickelte sich in seinen weiten Burnus ein, legte seine Mandoline auf den Boden, den Kopf auf das Instrument und schlief ein.
Um 12 Uhr Mitternacht betrat eine Gruppe weißverschleierter Frauen den Saal, in dem der Blinde schlief. Die sieben Schwestern weckten ihn und sagten: «Du bist Musiker! Spiel uns etwas, denn wir möchten tanzen!»
Er fühlte sich eingehüllt in Duftwogen lieblichen Parfüms, das von den Frauen ausging, und er griff beschwingt in die Saiten seiner Mandoline. Wie ein Begleitinstrument vernahm er das rhythmische Geräusch, das ihre Arm-und Fesselringe beim Tanzen verursachten und das genau mit dem Rhythmus der Musik übereinstimmte.
«Du hast gut gespielt», lobten ihn die Frauen, «so nimm eine Belohnung von uns an!»
Der Blinde spürte, wie sie seine Stirn berührten, und er hörte, daß jede der Tänzerinnen etwas auf sein kupfernes Tablett legte. So fuhr er fort, hingebungsvoll auf seiner Mandoline zu spielen.
Beim Morgengrauen verabschiedeten sich die sieben Schwestern von ihm und sagten: «Möge es dir gut ergehen! Du hast uns herrlich zum Tanz aufgespielt!»
Der Blinde betastete erwartungsvoll sein kupfernes Tablett und stellte fest, daß es nur Orangenschalen waren, die darauf lagen. Da lächelte er nachsichtig und legte sich wieder schlafen. Als er aber am Morgen sein Tablett unter den Arm nehmen wollte, war es überaus schwer, denn die Orangenschalen hatten sich in Goldstücke verwandelt. Er machte daraus ein solides Päckchen, und mit Hilfe seines Stockes kehrte er in seine Wohnung zurück.
Am Abend kamen die jungen Taugenichtse neugierig zu ihm und erkundigten sich: «Wie hast du diese Nacht verbracht, Väterchen?»
«Die Nacht war einmalig!» erwiderte er. «Schmuckbehangene Frauen haben mich besucht und die ganze Nacht zur Musik meiner Mandoline getanzt. Und jetzt ist mein Glück gemacht! Ich habe euch von nun an nicht mehr nötig.»

(aus: Contes mystérieux d’Afrique du Nord. Paris 1973)



An manchen Stellen, finde ich, trägt die Geschichte verdächtig europäische Züge. Zufall? Nachgeholfen? Gibt es in Marokko/ Nordafrika ähnliche Gespenstermärchen wie bei uns?
Was meint Ihr?





Die Frau und ihre schwarze Katze



Der Mann einer Frau ging auf Reisen. Da besorgte sich die Frau eine schwarze Katze, die ihr während der Abwesenheit ihres Mannes Gesellschaft leisten sollte. Sie gewann das Tier von Herzen lieb, und des Abends nahm sie das Tier sogar mit in ihr Bett, wo sie in ihren Armen einschlief.  Wissenden fällt an dieser Stelle eine bemerkenswerte Parallele zu Sinahs Katzenvolk auf  

Doch kaum war ihre Herrin eingeschlafen, da löste sich die kleine schwarze Katze aus ihren Armen und erhob sich lautlos, denn sie war eine Dschinnia. Sie ging an die Kleiderkiste ihrer Herrin, in der die kostbaren Gewänder sorgfältig zusammengefaltet lagen, suchte sich einen goldbestickten Kaftan heraus, einen passenden Seidenschal und einen perlenbestickten Gürtel, kleidete sich an und verließ das Haus auf Zehenspitzen.

Kurz vor dem Morgengebet, das der Muezzin bei Tagesbeginn vom Minarett verkündete, kehrte sie zurück. Ihre Herrin schlief dann noch sehr tief. Sie entkleidete sich schnell und lautlos, tat alles wieder an seinen Platz, legte neben den Kopf ihrer schlafenden Herrin ein Goldstück auf das Kissen und schmiegte sich schnurrend an sie, wie eine richtige kleine Katze.

Die Frau war sehr überrascht, jeden Morgen ein Goldstück auf ihrem Kissen vorzufinden. Zu gerne hätte sie gewußt, woher das Gold kam. Eines Abends tat sie so, als ob sie schliefe und wurde Zeuge der Verwandlung ihrer Katze. Sie beobachtete, wie diese sich ihre besten Kleider anzog, sich sorgfältig schminkte und auf Zehenspitzen das Haus verließ. 

Kaum hatte die Katze die Tür hinter sich geschlossen, da lief sie in die Küche, holte den schmutzigen Umhang ihrer Dienerin, hüllte sich darin ein, um nicht erkannt zu werden, und folgte der verzauberten Katze.

Nachdem sie eine lange Zeit hinter ihr hergegangen war, auf Straßen, die sie nie in ihrem Leben gesehen hatte, gelangten sie zu einer großen Lichtung, die hell erleuchtet war und wo gerade ein rauschendes Fest gefeiert wurde. Die Frau war entzückt von der kostbaren Garderobe, dem Licht und der schönen Musik.

Sie hörte die Anwesenden ihre Katze mit folgenden Worten empfangen: «Na, Scheicha Zohra, du kommst heute aber sehr spät!»

Darauf entgegenete ihre Katze, daß ihre Herrin an diesem Abend so spät eingeschlafen sei und daß sie schon befürchtet hätte, gar nicht kommen zu können.

Die arme Frau zitterte am ganzen Leib aus Furcht, doch erkannt zu werden. Sie war aber so neugierig, daß sie viele Stunden dort verbrachte, um die Geister lachen und singen zu hören. Sie war begeistert, als sie Scheicha Zohra zu einer Musik von Violinen ganz anmutig und geschmeidig tanzen sah.

Aber als sich die Zeit des Morgengebetes näherte, verließ sie das Fest und lief rasch nach Hause. Sie lag gerade im Bett, da verkündete der Muezzin den Gebetsruf vom Minarett, und Scheicha Zohra kehrte auf Zehenspitzen zurück. Die Augen fast geschlossen und beide Hände auf ihre Brust haltend, um das wilde Herzklopfen zu beruhigen, beobachtete sie, mit welcher Schnelligkeit die Dschinnia ihre Katzenform wieder annahm. Dann legte sie sich zu ihr und schnurrte vor Behagen.

Am frühen Morgen kam der Gemahl von seiner Reise zurück, ohne seine Ankunft vorher angekündigt zu haben. Er fand seine Frau schlafend- mit einer kleinen schwarzen Katze in ihren Armen. Da bemerkte er das Goldstück auf dem Kopfkissen neben der schönen Schlafenden, und dies war ihm sehr unangenehm, denn er stellte sich vor, daß sie während seiner Abwesenheit andere Männer empfangen habe und daß das Goldstück der Preis ihrer Untreue sei.

Voll Wut begann er, alles im Haus zu zerschlagen. Die arme Frau, die auf diese rücksichtslose Weise geweckt wurde, glaubte, den Zorn ihres Mannes dadurch besänftigen zu können, daß sie ihm die Wahrheit erzählte. Doch sie hatte ihre Geschichte noch nicht beendet, da sprang ihr die Katze wutschnaubend ins Gesicht, versetzte ihr mit ihren Krallen Tatzen Schläge und kratzte ihr die Augen aus indem sie schimpfte: «Du neugierige und geschwätzige Person! Das ist dein Lohn!» Dann löste sie sich in Nichts auf.

Der Mann war nun überzeugt von der Unschuld seiner Frau, aber die kleine schwarze Katze kam nie mehr zurück, und die Quelle ihres Reichtums war für immer versiegt. Scheicha Zohra hatte sich erbarmungslos gerächt.





(Aus: H. Duquaire: Anthologie de la Littérature arabe contemporaine)



Das Ende gefällt mir eindeutig NICHT. 




Übers Wochenende bin ich leider nicht tipp-aktiv, weil ich doch...-jaaa, wooo? Genaauu, in Frankfurt bin [Bild: biggrin.gif] Aber Montag wieder, versprochen!



chibo72 [Bild: offline.gif] 
Registriert: 03/02/2001 


Ali und der König



Einmal wurde Ali vom König gefragt: "Kannst du in einer kalten Dezember- oder Januarnacht und ohne Feuer eine Nacht im Freien verbringen? Wenn du es schaffst, erhältst du ein königliches

Geschenk." Ali behauptete, es zu können. Er ging und verbrachte die ganze Nacht ohne Kleidung auf einer Bergspitze, bis er wegen der eisigen Kälte fast erfroren wäre. Am anderen Tag kam

er zum König und sagte: "O König der Zeiten, ich verbrachte die letzte Nacht im Freien, ohne Kleidung und ohne Feuer, wie du es mir gesagt hast." "Hast du durchaus kein Feuer gesehen?"

fragte der König. "Nein", erwiderte Ali, "nur ein winziges Fünkchen in weiter Ferne." Da sprach der König: "Also hast du dich doch gewärmt, Ali!" "Ich soll mich daran gewärmt haben?" fragte

der ungläubig. Doch der König blieb dabei und gab ihm kein königliches Geschenk. 



Das will ich dir heimzahlen, dachte Ali bei sich zu Hause. Er wartete, bis diese Begebenheit vergessen war, um dann zurückzuschlagen. Eines Tages lud er den König und seine Minister zu

einem Essen im Freien ein. Sie freuten sich und nahmen die Einladung an. Als sie zu ihm kamen, ließ er sie in seiner Gartenlaube Platz nehmen. Er nahm seine Töpfe und das Essen und ging

weiter weg in den Garten hinein, wo er den Blicken des Königs verborgen war. Er legte am Boden ein Feuer an, und der Rauch stieg zum Himmel empor, so daß die Gäste glaubten, Ali sei mit

dem Kochen beschäftigt. 



Die Mittagszeit ging vorüber, und der König rief: "Wo bleibt das Mittagessen, Ali?" "Ich bin am Kochen, König der Zeiten, die Fertigstellung ist Sache des Feuers", gab der zur Antwort. "Beeil

dich, wir sind hungrig!" befahl der König. Und Ali wiederholte: "Es hängt vom Feuer ab." 



Sie warteten eine Stunde, zwei Stunden, und der Hunger drückte sie. Da sagte der König zu seinen Ministern: "Steht auf und laßt uns sehen, was dieser Ali macht!" Sie gingen hinüber und

fanden die Töpfe in den Ästen eines Baumes hängen, während Ali seelenruhig am Feuer saß. Als der König das sah, sprach er verwundert: "Wie, die Töpfe hängen im Baum, und das Feuer ist

auf der Erde? Wie sollen denn da die Speisen warm werden?" Ali entgegnete: "So wie ich warm geworden bin, als ich nachts in der Ferne ein Fünkchen sah! Die Töpfe sind nicht weit vom
Feuer entfernt, nur eine Manneslänge, während ich in zwei Stunden Entfernung ein Fünklein wahrnahm." Da merkte der König den Witz und lachte. Er sagte: "Laß gut sein, Ali. Setz die Töpfe jetzt aufs Feuer."



Falk [Bild: offline.gif] 
Registriert: 20/03/2001 


Der Junge und die Geister



Es war einmal ein kleiner Junge, der hatte einen kleinen Stock und er wollte sehen, wie es ist, wenn man jemanden damit pikte. So probierte er es bei seinem Vater aus. Der Vater sagte, der Junge solle aufhören damit, aber er probierte es noch mal und noch mal. Da wurde der Vater ärgerlich und sagte: „Wenn du noch einmal mit dem Stock pikst, dann schmeiße ich ihn in den Mülleimer!“

„Mach doch! Mach doch! Dann hohl ich ihn eben wieder raus“ erwiderte der Junge und pikte noch einmal.

Da nahm der Vater das Stöckchen und warf es weg.

Abends, als alle schliefen, stand der kleine Junge auf und holte den Stock aus dem Mülleimer, ging dann wieder ins Bett und schlief damit in der Hand ein.

Nicht lange danach hatte er einen Traum:


Er sah viele Geister, die zu ihm kamen. Einige kamen mit zerfetzter Kleidung, einige ganz ohne, einige mit Kopf, einige ohne, einige kamen mit quietschenden, verrosteten Fahrrädern, einige kamen ohne, einige kamen mit Ketten, andere ohne, aber alle hatten sie Spieße und Stöcker und wollten den Jungen piken. Sie kamen an sein Bett und ärgerten ihn. Da sagte der Junge ganz mutig: „Hört auf damit!“, doch die Geister machten nur „HiHiHiiii“ und setzten ihr Spiel fort. Der kleine Junge sagte: „Wenn ihr mich noch einmal pikt, dann nehme ich eure Stieße weg und werfe sie in den Mülleimer!“ Da lachten die Gespenster nur und pikten ihn noch mal und noch mal. Der Junge aber stand auf und nahm den Geistern die Stöcker und Spieße weg und warf sie in den Mülleimer. „Na und!“ sagten die Gespenster, „dann holen wir sie wieder raus!“ und folgten ihm in die Küche. Da nahm der Junge den Mülleimer und rannte damit die Treppen runter und schüttete ihn in die Mülltonne. Die Geister folgten ihm mit Geklapper, Geschlurfe und Gestank. Als sie die Tonne erreicht hatten, kam gerade der Müllmann und entleerte sie mitsamt den Gespensterspießen ins Müllauto, stellte sich hinten auf‘s Trittbrett und fuhr zur Müllkippe. Die Gespenster folgten dem Müllauto durch die ganze Stadt und als es auf der Müllhalde den ganzen Dreck den Hang hinunter schüttete, sammelten sie ihre Stöcker und Ruten aus dem Müll. Nun wollten sie wieder zu dem kleinen Jungen, um ihn weiter zu ärgern, doch sie hatten nicht auf den Weg geachtet. Seitdem irrten sie auf der Müllkippe umher und warteten darauf, daß der Junge kommen würde, doch der kam nicht, denn er war längst wieder in seinem Bett und schlief.


chibo72 [Bild: offline.gif] 
Registriert: 03/02/2001


Arabischer Astrologe 



------Folge 1 ------------



In alten Zeiten, vor vielen hundert Jahren herrschte einmal ein maurischer Fürst mit Namen Aben Habuz über das Königreich

Granada. Er war ein Eroberer, der sich, nach einem Leben voll Kampf und durch Raubzüge reich geworden, nun im Alter nach

Ruhe sehnte. Schwach und kränklich wollte der alte Haudegen mit der ganzen Welt in Frieden leben, sich die Lorbeeren

seines Ruhms bewahren und in Ruhe den Besitz genießen, den er in früheren Jahren seinen Nachbarn kaltblütig entrissen

hatte. 



Es begab sich indessen, daß dieser höchst verständige und friedliebende alte Monarch es mit jungen Nebenbuhlern zu tun

bekam. Diese Fürsten und Prinzen erfüllte, wie einst ihn selbst, ein großes Verlangen nach Ruhm und Kampf, und sie alle

wollten das ihren Vätern früher zugefügte Unrecht rächen und alte Scharten auswetzen. 



Ja ganze Provinzen seiner eigenen Lande erhoben sich in Waffen gegen ihn, der sie in den Tagen seiner Kraft und Stärke

grausam und hart behandelt hatte. Von allen Seiten war er also von Feinden umringt, und sie drohten ihn bereits aus seiner

Hauptstadt zu verjagen. 



Der unglückliche Landesvater war krank und bedrückt. Wegen der gebirgigen Umgebung von Granada war dauernde

Wachsamkeit erforderlich, da man nie wissen konnte, ob sich in den engen Gebirgsschluchten nicht Feinde verborgen hielten,

die plötzlich zum Angriff übergehen konnten. 



Unnütz schienen die Wachttürme auf den Bergen und die Feldwachen auf Pässen und Hängen, die nachts mit Feuer und

tagsüber mit Rauchzeichen jede Annäherung von Feinden schnellstens zur Königsburg melden sollten. Durch ihre Schläue

ließen seine Gegner alle Vorsichtsmaßregeln zum Gespött werden und machten jede strategische Planung zunichte. 



Unerwartet brachen sie aus einem unübersichtlichen Engpaß hervor, verwüsteten ihm sein Land vor der Nase und machten

sich dann mit Gefangenen und reicher Beute in die Berge davon. War je ein friedliebender ehemaliger Krieger in einer

unbehaglicheren Lage als dieser nach Ruhe und Beschaulichkeit seufzende alte Eroberer? 



Während Aben Habuz von Schwierigkeiten und Sorgen dieser Art gequält wurde und in schlaflosen Nächten zum Himmel um

Hilfe flehte, kam eines Tages ein alter arabischer Arzt an den Königshof. Des Weisen Bart fiel bis auf den Gürtel herab, und

alles zeugte von seinem hohen Alter. Der gebrechliche, ehrwürdige Greis hatte den ganzen Weg von Ägypten her zu Fuß und

ohne irgendeine Hilfe zurückgelegt; als einzige Stütze diente ihm sein mit Hieroglyphen bedeckter Wanderstab. 



Der Ruf eines großen Denkers ging dem gelehrten Mann voraus, und auch am granadinischen Maurenhof war der Name

Ibrahim Ebn Abu Ayub, so nämlich hieß der Astrologe aus dem fernen Morgenland, wohl bekannt und allgemein geehrt. Man

erzählte sich, und manche behaupteten, da gebe es gar keinen Zweifel, daß er seit den Tagen Mohammeds lebe und der Sohn

von Aju Ajeeb sei, dem letzten der Gefährten des Propheten. Schon als Knabe war er dem Eroberungsheer Amrus nach

Ägypten gefolgt; dort hielt er sich über viele viele Jahre hin unter den hochgelehrten Priestern auf und lernte deren geheime

Wissenschaften, ganz besonders aber die so tiefschürfende ägyptische Magie. 



Auch glaubte man von ihm zu wissen, daß er das Geheimnis, das Leben zu verlängern kenne, weswegen er inzwischen ein

Alter von über zweihundert Jahren erreicht habe. 



Dieser Mann wurde vom König ehrenvoll aufgenommen und in hoher Gunst gehalten, was leicht verständlich war, denn allen

alten Monarchen, kranken Machthabern und gichtbrüchigen Potentaten sind Ärzte und Gesundbeter hochwillkommen. Der

König wollte ihm eine Zimmerflucht in seinem Palast anweisen, aber der Sternkundige zog eine Höhle als Wohnung vor. Er

fand sie auf der Granada zugekehrten Seite jenes Berges, dort wo sich heute stolz die Alhambra erhebt. Er ließ von kundigen

Arbeitern diesen seinen künftigen Wohnraum zu einer weiten hohen Halle erweitern. Oben in der Decke wurde durch den Fels

ein rundes Loch geschlagen, so daß er, wie aus einem Schacht, den Himmel beobachten und die Sterne selbst am Mittag

sehen konnte. Die hohen Wände dieses Saales waren mit ägyptischen Hieroglyphen bedeckt. Er stellte drinnen an

bestimmten Plätzen Apparate und Gestelle auf, die gemäß seinen Anordnungen von den geschicktesten Handwerkern

Granadas angefertigt wurden, deren Ziel und Zweck und Eigenschaften aber nur er allein kannte. 



Schon nach kurzer Zeit war der weise Ibrahim der engste Berater des alten Königs, der ihn bei jedem wichtigen Problem um

seine Meinung fragte. Einst beklagte sich Aben Habuz bitter über seine ruchlosen fürstlichen Nachbarn und erzählte dem

gespannt zuhörenden Magier von der seine Gesundheit aufreibenden Wachsamkeit, die er üben müsse, um sich vor den

Übergriffen dieser Raubgesellen zu schützen. Als er zu Ende gekommen war, schwieg der Astrologe nachdenklich, und nach

einer Weile erwiderte er mit leiser Stimme: »Wisse, o König, daß ich während meines Aufenthaltes in Ägypten ein

wundervolles Kunstwerk sah, das einer der alten heidnischen Priester vor vielen Jahren erdacht hatte. Auf einem Berg über

der Stadt Borsa, wo man das große Tal des Nils überschauen kann, stand aus Erz gegossen die Figur eines Widders und

darüber die eines Hahnes; beide Tierbilder konnten sich auf Zapfen und Angeln drehen. Und nun staune über das

Wunderwerk! Wenn immer dem Land ein feindlicher Einfall drohte, dann schwenkte der Widder in seinem Lager herum und

schaute in die Richtung des Angreifers, und der Hahn begann laut zu krähen. Die Bewohner der Stadt hatten also sofort Kunde

von der Gefahr und wußten gleich von vornherein die Stellung des Gegners und kannten innerhalb kurzer Zeit die Stoßrichtung

seiner Truppen. Es war jetzt leicht, die zweckdienlichen Vorkehrungen zu treffen, um sich zu schützen und den Widersacher

zu vernichten. « 



»Gott ist groß!« rief der friedfertige Aben Habu, »welch ein Schatz wäre ein solcher Widder, der unermüdlich Wache hielte und

kein Auge von den Bergen der Umgebung ließe! Und erst der Hahn, dessen Krähen die wehrhaften Männer meiner Garden zu

den Waffen ruft! Allah akbar! wie ruhig und sicher könnte ich mit einem solchen Späher auf dem Turm in meinen Gemächern

leben! « 



Der Astrologe wartete, bis sich der König etwas beruhigt hatte und fuhr dann fort: »Nachdem der siegreiche Amru - er möge in

Frieden ruhen! - die Eroberung Ägyptens vollendet hatte, blieb ich weiterhin bei den alten Priestern des Landes und machte

mich mit den Gebräuchen und Riten ihres Götzenglaubens bekannt. Ich suchte jene geheimen Kenntnisse zu erwerben, für

die sie so berühmt und gefürchtet waren. So saß ich wieder einmal am Ufer des Nils und unterhielt mich mit einem der

erfahrensten Gelehrten. Während des Gesprächs wies er mit seiner ausgestreckten Rechten nach den mächtigen Pyramiden,

die Bergen gleich aus der benachbarten Wüste emporragten. 



>Alles, was wir dich lehren können<, sagte er, >ist nichts im Vergleich zur Weisheit und zur Wissenschaft, die in jenen

mächtigen Steinbauten eingeschlossen und verborgen In der Grabkammer der mittleren Pyramide drüben ruht die Mumie des

Hohepriesters, der diese staunenswerten Gebäude errichten half. Dort drinnen mit ihm vergilbt das so wundervolle Buch der

Weisheit, das alle Geheimnisse der Kunst und Magie enthält. Dieses Buch wurde Adam nach seinem Fall übergeben und kam

dann von Geschlecht zu Geschlecht bis auf Salomon den Weisen, der mit dessen Hilfe den Tempel von Jerusalem erbaute.

Wie diese wertvollen Papyri in den Besitz des Erbauers der ''Pyramiden kamen, das weiß nur der, dem alle Dinge bekannt

sind.< 



Als ich diese Worte des ägyptischen Priesters hörte, entflammte mein Herz, und es wurde mir klar, daß ich alles tun müsse,

um in den Besitz dieses Buches zu gelangen. Mir standen viele Soldaten und eine große Anzahl eingeborener Ägypter zur

Verfügung, über deren Dienste ich bestimmen konnte. Mit diesen Hilfskräften ging ich tatkräftig ans Werk und ließ die

undurchdringlich scheinende Steinmasse der bezeichneten Pyramide öffnen; nach großen Anstrengungen und schwerer

Arbeit stieß ich endlich auf einen ihrer inneren und verborgenen Gänge. Ich folgte "diesem und betrat ein furchtbares Labyrinth,

durch das mich bis in das Herz der Pyramide durchkämpfte und endlich den Weg zur Grabkammer fand. Dort lag seit

Jahrhunderten unangetastet die Mumie des Hohepriesters. 



"Ich zerschlug die äußere Schutzhülle des einbalsamierten Körpers, entfernte die vielen Binden und Tuchstreifen, in "die sie

gewickelt war, und endlich fand ich, der Herzschlag "stockte mir, das kostbare Buch. Es lag auf der eingetrockneten Brust des

Leichnams, dessen dürre Hände es umklammerten. 



Zitternd vor Aufregung riß ich den Schatz an mich und suchte schnellstens aus der Pyramide zu entkommen. Die Mumie ließ

ich in ihrem dunklen und stillen Grabe, auf daß sie dort den jüngsten Tag der Auferstehung und des Gerichts erwarten möge. «



»Sohn des Abu Ayub«, rief Aben Habuz, »du hast viele Länder gesehen und wunderbare Dinge beobachtet; doch wozu nützt

mir das Geheimnis der Pyramide und das gelehrte Buch des weisen Salomo?« 



»Wohl kann es dir nützen, mein König! Genau studierte ich den Inhalt dieses Buches des Wissens, so daß ich heute in allen

magischen Künsten unterrichtet bin und über Geister gebiete, die meine Pläne und mein Wollen fördern und ausführen. Mir ist

das Geheimnis des Wunders von Borsa bekannt, und ich kann dir einen Talisman von größeren Wunderkräften bauen als der

Widder und der Hahn zu Borsa es waren, die jener Priester einst schuf.« 



»Kluger Sohn des Abu Ayub«, sprach Aben Habuz, «solcher Talisman wäre besser als alle Wachtürme auf den Bergen und

alle Wächter und Krieger an den Grenzen. Gib mir diesen Schutz, und alle Reichtümer meiner Schatzkammern sollen dir zur

Verfügung stehen. « 



Der Astrologe ging sofort an die Arbeit, um den Wunsch des Königs zu verwirklichen. Er ließ auf dem höchstgelegenen Teil

des Palastes, der sich auf der Kuppe des Albaicin erhob, einen mächtigen Turm errichten. Als Baumaterial verwendete er

quaderähnliche Steine, die vor Zeiten in Ägypten behauen wurden und, wie man sagt, von einer der ältesten Pyramiden

stammen sollen. Im obersten Teil des Turmes war ein runder Saal, dessen Fenster nach allen Himmelsrichtungen hin ins

Freie zeigten. Vor jedem Fenster befand sich ein Tisch mit einer schön gearbeiteten Platte, worauf, wie auf einem Schachbrett

ausgerichtet, viele kleine aus Holz geschnitzte Figuren standen; ein symbolisches Heer von Reitern und Kriegern zu Fuß und

auf Streitwagen, angeführt von demjenigen Fürsten, der in der jeweiligen Richtung Habuz' Nachbar war. 



Auf jedem dieser sinnbildlichen Schlachtfelder lag auch eine kleine lanzenförmige Nadel, die bestimmte chaldäische

Schriftzeichen trug. Der beschriebene Saal wurde immer verschlossen gehalten; die Türen waren aus Bronze und die

Schlösser aus hartem Eisen. Die Schlüssel trug der König ständig bei sich. 



Auf der Spitze des Turmes stand, auf einem Zapfen drehbar, die Bronzestatue eines maurischen Reiters. Den festen Schild

im starken Arm, die Lanze gesenkt, so schaute der eherne Maure auf seine Stadt hinab, als wache er über ',sie. Wenn aber

irgendein Feind den Grenzen der Heimat nahe kam, dann drehte sich der Ritter in diese Richtung und legte die Lanze wie zum

Kampf ein. 



Als das Wunderwerk fertig war, wurde der König ganz ungeduldig. Er wollte sobald wie möglich seine geheime Kraft

ausprobieren, er wünschte nun sehnsüchtiger einen feindlichen Überfall herbei, als er je in früheren Jahren nach Ruhe

geseufzt hatte. Und bald sollte sein Wunsch ,sich erfüllen. 



Eines Morgens zu sehr früher Stunde brachte der den Turm bewachende Posten die Nachricht, daß der Reiter auf dem Giebel

nach der Sierra Elvira schaue und die Lanzenspitze nach dem Paso de Lope weise. 



»Laßt mit Trommeln und Trompeten zu den Waffen rufen und ganz Granada alarmieren«, befahl mit lauter Stimme König

Aben Habuz. 



»0 edler König«, sagte der Astrologe, »beunruhige nicht die guten Bürger deiner Stadt, nicht all die Krieger in ihren Quartieren,

denn wir können ihre Waffenhilfe entbehren. 'Entlasse deine Begleiter. Ganz allein wollen wir zu dem geheimen Saal auf dem

Turm gehen.« 



",Der greise Aben Habuz stieg langsam die steile Turmtreppe hinauf. Er stützte sich auf den Arm des fast zwei hundertjährigen

Ibrahim Abu Ayub. Sie schlossen die Tür 



"A auf, diese knarrte laut in den Angeln, und beide traten in die helle Halle. 



Das Fenster in der Richtung nach dem Paso de Lope stand offen. 



»In dieser Gegend steht der Feind; von dort droht Gefahr«, sagte Ibrahim und wies zu dem weit geöffneten Fenster. »Tritt

heran, o König, und betrachte das Geheimnis, das sich dir auf der Tischplatte zeigt. « 



Der König Aben Habuz näherte sich dem scheinbaren Schachbrett, auf dem, wie er wußte, die kleinen hölzernen Figuren

aufgestellt waren. Interessiert betrachtete er die Truppen und schaute fragend zum Astrologen. Dieser wies stumm lächelnd

auf den Tisch, und da bemerkte der König mit Erstaunen, daß sich die ganze Formation bewegte daß die kleinen Figürchen zu

leben schienen. Die Streitrosse bäumten sich auf, trippelten und galoppierten; die Krieger schwangen ihre Waffen, und man

hörte den klaren Klang von Trommelwirbeln, Trompetenstößen, das Klirren von Schwertern und Lanzen, Kommandorufe und

das Wiehern der Pferde. Doch alles tönte leise, nicht lauter, noch deutlicher als das Brummen der Hummeln und das

Summen der Fliegen im Ohr des schläfrigen Wanderers, der an einem heißen Mittag im Schatten eines Baumes ausruht. 



»Siehe, o König«, sagte der alte Magier, »hier hast du den Beweis, daß deine Feinde dich mit Krieg überziehen wollen. Sie

rücken über das Gebirge vor und werden durch die Engpässe von Lope in die Ebene vorstoßen. Willst du Schrecken unter sie

bringen, sie zu einem raschen Rückzug ohne Verluste von Menschenleben zwingen, dann schlage die Figuren auf dem Tisch

mit dem stumpfen Ende, mit dem Knopf der magischen Lanze. Willst du aber ein Gemetzel unter ihnen anrichten, sollen sich

deine Feinde selbst zerfleischen, dann berühre die hölzernen Krieger mit der feinen Spitze des kleinen Speers. « 



Ein dunkler Schatten flog über das Antlitz des friedliebenden Monarchen;, hastig faßte er nach der zauberkräftigen Waffe und

trat an den Tisch. Der weiße Patriarchenbart zitterte im ehrwürdigen Gesicht des Herrschers über das granadinische Volk, als

er leise zwischen seinen Zahnlücken hervorzischte: »Sohn des Abu Ayub ich denke, da wird ein wenig Blut vonnöten sein. « 



Wie gesagt, so getan! Der König stieß die Zauberlanze in einige der sich bewegenden Zwerggestalten und bearbeitete gleich

darauf wieder andere mit deren stumpfem Ende. Welch Wunder! Die einen fielen wie tot auf den Boden, und die übrigen

begannen untereinander zu streiten und erschlugen sich in einem mörderischen Handgemenge. 



Es kostete den Astrologen viel Mühe, der Hand des friedlichsten und besten aller Monarchen Einhalt zu gebieten, um ihn von

einer völligen Vernichtung seiner Feinde abzuhalten. Doch schließlich gelang es ihm, den König zu beruhigen und ihn zu

veranlassen, vom Turm herabzusteigen und Kundschafter durch den Engpaß von Lope zu senden. 



Diese kehrten mit der Nachricht zurück, ein starkes christliches Heer sei durch das Herz der Sierra bis auf Sichtweite von

Granada vorgedrungen; doch plötzlich, ohne erkennbaren Grund, wäre unter den Kriegern und den sie anführenden Fürsten

ein Streit ausgebrochen, und nach einem mörderischen Kampf aller gegen alle habe sich die Invasionsarmee in Auflösung

über die Grenzen in ihre Heimat zurückgezogen. 



Aben Habuz war außer sich vor Freude, als er die Wirksamkeit und die magische Kraft des Talismans auf solche Art bestätigt

fand. 



»Endlich«, sagte er, »werde ich ein ruhiges Leben führen, denn alle meine Feinde können mir nichts mehr anhaben; ich habe

sie nunmehr gänzlich in meiner Gewalt. Oh, weiser Sohn des großen Abu Ayub, was soll ich dir zum Lohn für dieses so

segensreiche Kunstwerk schenken?« 



»Gering und einfach sind, mein König, die Bedürfnisse eines alten Mannes und Philosophen; stelle mir die Mittel zur Verfügung,

meine Höhle und Klause in eine wohnliche Einsiedelei zu verwandeln, dann bin ich völlig zufrieden.« 



»Wie edel ist doch die Mäßigung des wahrhaft Weisen!« rief Aben Habuz aus, herzlich froh, daß er so billig davongekommen

war. Umgehend berief er seinen Schatzmeister und befahl ihm, alle jene Gelder flüssig zu machen, die Ibrahim zur Vollendung

und Ausstattung seiner Klause erbeten hatte. 



Der Astrologe ließ nun von geübten Steinmetzen verschiedene Räume aus dem Felsen heraushauen; es entstand so nach

künstlerischen, von ihm selbst ausgearbeiteten Entwürfen, eine Zimmerflucht, die er mit der bereits bestehenden

astronomischen Halle verband. Die Wände wurden mit schweren Seidenstoffen aus Damaskus verkleidet, Diwane und

schwellende Ottomanen luden zu Ruhe und Meditation, zu sinnenden Betrachtungen und philosophischem Denken ein. 



»Ich bin ein alter Mann«, sagte Ayub, »und kann mit meinen brüchigen Knochen nicht mehr auf steinernen Lagern ruhen, wie

auch diese feuchten Zellenwände im lebenden Fels einer Verkleidung bedürfen, denn unästhetisch wären doch für

Künstleraugen wassertriefende Mauern.« 



Auch befahl er Bäder einzurichten und versah diese dann mit aller Art von Wohlgerüchen und aromatischen Ölen. 



»Ein Bad«, meinte er, »ist notwendig, um der Steifheit des Alters entgegenzuwirken und dem durch das Studium

eingeschrumpften Körper wieder Frische und Geschmeidigkeit zu geben. « 



Dann ließ er die Zimmer und Säle mit unzähligen und herrlichen Lampen und Ampeln aus Silber und Kristall schmücken, die

ihrerseits mit einem wohlriechenden Öl gefüllt wurden, das nach einem von ihm in den Gräbern Ägyptens entdeckten Rezept

hergestellt wurde. Das Öl verzehrte sich nie und strömte einen sanften Schein aus, gleich der Sonne in den frühen

Morgenstunden. 



»Das Tageslicht«, sagte Ibrahim den königlichen Mitarbeitern, »ist zu grell für das Auge eines alten Mannes, und viel

angemessener finde ich den ruhigen Schein der Lampen, denn er fördert die geistige Sammlung und die Studien eines

Philosophen.« 



Der Schatzmeister des Königs Aben Habuz stöhnte und seufzte über die Menge Geldes, die er täglich zur Ausstattung der

Einsiedelei hergeben und der Staatskasse entnehmen mußte. Bald trug er eine diesbezügliche Klage seinem Herrn vor. Aber

Aben Habuz hatte sein Wort verpfändet, und das einmal gegebene Versprechen mußte gehalten werden. Mit den Schultern

zuckend, antwortete der König dem vor ihm stehenden Hofm*****all: 



»Wir müssen Geduld haben. Der Alte baut sich sein Philosophenheim nach Plänen und Vorstellungen, die auf seine Besuche

und Studien in Pyramiden und auf ägyptischen Trümmerfeldern, in Tempeln und Pharaonenpalästen zurückzuführen sind.

Aber alles hat ja einmal sein Ende, so bestimmt auch die Einrichtung dieser Astrologenhöhle.« 



Und der König hatte recht; die Klause war endlich fertig und bildete einen prachtvollen, unterirdischen Märchenpalast. 



»Ich bin nun zufrieden«, sagte der anspruchslose Ibrahim Ibn Abu Ayub zu dem Schatzmeister, »ich ziehe mich in meine Zelle

zurück und widme von nun an die Zeit dem Studium und der philosophischen Meditation. Ich brauche nichts mehr, gar nichts,

außer einen ganz unbedeutenden Zeitvertreib, um mich in den Arbeitspausen unterhalten und nach Stunden ernsten Denkens

geistig entspannen zu können. « 



»Nun, Ibrahim, verlange was du willst. Alles soll beschafft werden, wonach es dir in deiner Einsamkeit gelüstet.« 



»Dann möchte ich noch eine Anzahl von Tänzerinnen haben«, sagte ernst der einsiedlerische Philosoph. 



»Tänzerinnen?« fragte der erstaunte Schatzmeister. 



»ja, Tänzerinnen«, erwiderte überlegt der Weise. »Es brauchen nicht viele zu sein, denn ich bin ein alter Mann, ein Philosoph

von einfachen Gewohnheiten und leicht zufriedenzustellen. Die ausgewählten Mädchen müssen jedoch jung und schön sein,

weil ja nur Jugend und Schönheit das Herz eines alten Mannes höherschlagen läßt und seinen Kennerblick erfreut.« 



Während nun der Philosoph Ibrahim Ibn Abu Ayub seine Zeit so weise und zurückgezogen in der Klause hinbrachte, führte der

friedfertige Aben Habuz im Turmzimmer hinter fest verschlossenen Türen wütende Scheinkriege. Es war höchst rühmlich für

einen alten Mann von ruhigen Sitten, wie er, sich das Kriegshandwerk so leicht als möglich zu machen und von seinem

Zimmer aus sich damit zu unterhalten, ganze Heere wie Fliegenschwärme verjagte. 



Eine Zeitlang schwelgte er in der Befriedigung seiner Launen und reizte, verspottete und beleidigte sogar seine Nachbarn, um

sie zu Überfällen in sein Land zu verleiten. Aber allmählich beeindruckte sie doch ihre militärische Machtlosigkeit dem

Granadiner gegenüber, und als Folge der wiederholten Niederlagen wagte endlich niemand mehr, dessen Gebiet in feindlicher

Absicht zu betreten. 



Viele Monde blieb der eherne Reiter auf der Turmspitze in Friedensstellung und schaute zufrieden auf das schöne Granada

herab. Der würdige Monarch wurde ob der Eintönigkeit des Lebens schon ganz verdrießlich, und er empfand das Fehlen des

gewohnten Zeitvertreibs wirklich äußerst schmerzlich. 



Da, eines Tages drehte sich der Reiter plötzlich herum, senkte sofort seinen langen Speer zum Angriff und deutete beharrlich

hinauf auf die Berge von Guadix. Aben Habuz eilte umgehend auf den Turm, lief zum offenen Fenster, aber der magische

Tisch davor blieb ruhig; kein einziger Krieger war in Bewegung, unbelebt blieben die Zwergfiguren. Von diesem Umstand etwas

verwirrt, schickte er sogleich einen Trupp Reiter los und befahl ihnen, das ganze Gebirge zu durchstreifen und zu

durchforschen. Nach dreitägiger Abwesenheit kamen sie endlich zurück und meldeten ihrem obersten Kriegsherrn: »Wir

haben den Engpaß durchsucht, jeden Berg und jeden Wald durchstöbert«, berichteten sie, »aber wir fanden nichts, weder

Helm noch Speer ward sichtbar. Alles, was uns in die Hände fiel, ist ein christliches Mädchen von außerordentlicher Schönheit,

das wir um Mittag neben einem Brunnen im Schatten grüner Ölbäume schlafend antrafen, und das wir dir nun als Gefangene

mitbringen. « 



»Ein Mädchen von außerordentlicher Schönheit!« rief Aben Habuz mit zitternder Stimme und vor Erregung funkelnden Augen.

»Man führe es hierher vor meinen Diwan! « 



Die schöne Unbekannte wurde vor den König geleitet. Sie war in all die reiche Pracht gekleidet, die zur Zeit der arabischen

Eroberung bei der hispano-gotischen Bevölkerung Iberiens Sitte war. In ihren schwarzen Zöpfen trug sie Perlen von blendend

funkelndem Weiß; kostbares Geschmeide glitzerte auf Stirn und Nacken und wetteiferten mit dem Glanz ihrer herrlichen

Augen. Über die Schultern hing eine goldene Kette; sie reichte ihr bis zur Hüfte und hielt eine feingeschwungene, silberne

Leier. 



Die Strahlen ihrer dunklen, glänzenden Augen trafen wie Flammenpfeile das verwitterte und verwelkte, aber noch immer

entzündbare Herz des ehrwürdigen Aben Habuz; die schwellende Üppigkeit ihres Wuchses, die aufreizende Elastizität ihres

Körpers ließ seine Sinnlichkeit zu neuem Leben erwachen. 



»Schönste aller Frauen«, rief er entzückt, »wer und was bist du?« 



»Die Tochter eines der Gotengrafen, die noch vor kurzer Zeit dieses Land beherrschten. Die Krieger meines Vaters wurden

wie durch Zauberkraft in diesem Gebirge vernichtet und er selbst mit den wenigen Überlebenden in die Verbannung getrieben.

Seine Tochter ist nun deine Gefangene. « 



»Hüte dich, König! « flüsterte Ibrahim Ihn Abu Ayub dem maurischen Monarchen ins Ohr, »es könnte dies eine jener

nordischen Zauberinnen sein, von denen uns berichtet wird, daß sie die aufreizendsten und verführerischsten Formen und

Gestalten annehmen, nur um arglose Männer, auf die sie es abgesehen haben, zu betören und zu berücken. Ich meine,

Zauberkraft in ihren Augen zu lesen und Hexerei in jeder ihrer Bewegungen. Dies ist ohne Zweifel der Feind, den uns der

eherne Reiter meldete. « 



»Sohn des Abu Ayub», erwiderte der König überlegen lächelnd, »ich gebe gerne zu, daß du ein weiser Mann, ein großer

Philosoph und ein seltener Zauberer bist; aber von Frauen, lieber Freund, scheinst du wirklich wenig zu verstehen. In

Kenntnissen über die weibliche Seele tut es mir keiner gleich, nein, auch der weise Salomon nicht, trotz der Vielzahl seiner

Frauen und Konkubinen. Was nun dieses liebenswerte Mädchen anbelangt, so sehe ich wirklich keinen Makel an ihr; sie ist

schön anzusehen und findet daher Gnade und Gunst vor meinen königlichen Augen.« 



»Hör mir jetzt gut zu, mein König!«, erwiderte der Astrologe. »Ich habe dir mit meinen Kenntnissen und dem ehernen Talisman

auf dem Turm zu vielen Siegen verholfen und niemals einen Beuteanteil von dir gefordert, wie es eigentlich Brauch und Sitte

gewesen wäre. So gib mir denn heute diese verirrte Gefangene, auf daß sie mich in meiner Einsamkeit mit Gesang und

Leierspiel aufmuntere und erfreue. Sollte sie aber wirklich eine Hexe sein, dann habe ich die wirksamen Gegenmittel, die all

ihren Zauber unwirksam machen. « 



»Was! « schrie der König Aben Habuz, »noch mehr Weiber willst du haben? Hast du denn an den Tänzerinnen, die dir die Zeit

vertreiben, nicht genug?« 



»ja, Tänzerinnen habe ich allerdings genug«, sagte ernst der Einsiedler, »aber es fehlen mir Sängerinnen, und mein Geist

bedarf dringend der Entspannung und Erfrischung, wenn er von meinen anstrengenden Studien und schwerer Denkarbeit

ermüdet ist. « 



»Genug, alter Eremit!« rief erzürnt der König und sagte, jedem Wort Nachdruck verleihend: 



»Dieses schöne Christenmädchen ist für mich selbst bestimmt. Ich finde großen Gefallen an ihr, und sie soll mich trösten

gleich der Sunamitin Abisag, deren Gesellschaft den alten Tagen Davids, des Vaters Salomons des Weisen, Glanz verlieh. « 



Weitere Bitten des Astrologen blieben erfolglos; der König wollte um keinen Preis das schöne Mädchen hergeben, und

schließlich trennten sich der König und der Magier, erzürnt und zerstritten wegen einer Frau. Ibrahim schloß sich in seiner

Klause von der Welt des Hofes ab, um brütend und philosophierend darüber zu sinnen, wie es denn hatte angehen können,

daß sein königlicher Freund seine wohlgemeinten Ratschläge so leichtsinnig mißachtet hatte. Aber wo gibt es einen verliebten

Greis, der auf einen Freundesrat hört? Aben Habuz war ein Sklave seiner Leidenschaft. Er wollte sich mit allen Mitteln bei der

gotischen Schönen einschmeicheln, ihr gefallen und sich in den Besitz ihres Herzens setzen. Er war zwar nicht mehr jung,

aber er besaß Geld, Gold und Schätze, und wenn ein alter Liebhaber wirbt, dann ist er auch gewöhnlich sehr freigiebig. Der

Zacatin von Granada wurde nach den kostbarsten Erzeugnissen des Orients durchwühlt: Seidenstoffe, Juwelen, herrliche

Edelsteine, auserlesene Wohlgerüche, alles, was Asien und Afrika Kostbares und Seltenes boten, wurden der spröden

Grafentochter zu Füßen gelegt. Künstler ersannen Schauspiele und Festlichkeiten zu ihrer Unterhaltung. Es gab Musik,

Gesang, Tanz, Kampfspiele und Stiergefechte. Granada feierte so ausschweifende Feste wie niemals zuvor, noch je danach.

All das schien die Prinzessin nicht zu berühren. Sie nahm diese Huldigungen hin wie jemand, der solche Pracht

selbstverständlich gewohnt ist. Es war für sie der Tribut, den man ihrer Schönheit schuldete. ja, es schien, als ob sie ein

geheimes Vergnügen daran fände, den König zu Ausgaben zu veranlassen, die seinen Schatz hinschwinden ließen und deren

Zahlung dem Hofm*****all immer mehr Kopfzerbrechen bereitete. Dabei behandelte sie seine übermäßige Freigebigkeit wie

etwas, was sich ganz von selbst verstünde, ohne daß der König mit seinem Eifer und seiner Großzügigkeit auf die so verehrte

Schöne den geringsten Eindruck gemacht hätte. Sie zürnte ihm zwar nie, auch machte sie keine finsteren Mienen, aber sie

lächelte auch nie, und kein freundliches Wort kam über ihre kalten und schön geschwungenen Lippen. Sooft der königliche

Liebhaber seinen Gefühlen Ausdruck verleihen und von seiner heißen Liebe sprechen wollte, griff sie in die Saiten ihrer

silbernen Leier und entlockte ihr wundervolle Töne. Augenblicklich fing dann der König zu nicken an, Schläfrigkeit übermannte

ihn, und bald sank er in tiefen Schlummer. Herrlich erfrischt erwachte er später wieder, und für Tage schien alle Leidenschaft

aus seinem Herzen gewichen zu sein. Dem Liebeswerben war dies allerdings nicht förderlich, doch begleiteten angenehme

Traumbilder diesen Zauberschlaf, die den Sinn des müden Liebenden derart fesselten, daß er weiter träumte, während ganz

Granada über ihn lachte und den Schätzen nachtrauerte, die er für ein Spiel auf der Leier vergeudete. 



Da kam es schließlich zu einem gefahrvollen Ereignis, vor dem der bronzene Maurenreiter seinen Herrn und König nicht

warnen konnte. In der eigenen Hauptstadt kam es zu einer Rebellion und zu einem Volksaufstand. Ein bewaffneter Pöbel

umzingelte den Palast des Aben Habuz und schrie blutrünstig nach den Köpfen der königlichen Bewohner. In der Brust des

alten Recken glomm immer noch ein Funke kriegerischen Geistes. An der Spitze einer kleinen Schar treuer Leibwächter

machte er einen tapferen Ausfall, jagte die Rebellen in die Flucht und erstickte die Empörung im Keime. 



Als die Ruhe wiederhergestellt war, suchte er sogleich den Astrologen auf, der sich noch immer in seiner unterirdischen

Klause vom Hofleben abgewandt aufhielt und, wenn er auch nicht gerade auf Rache sann, doch darüber nachdachte, wie er in

den Besitz der schönen Gotin gelangen könnte. 


Fortsetzung folgt.
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#2
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Registriert: 03/02/2001



Arabischer Astrologe 

-------------Folge 2-------------------

Versöhnlich gestimmt, sprach zu ihm Aben Habuz: »Wie weise du doch bist, Sohn des Großen Abu Ayub! Wohl hast du mich vor dieser gefangenen Schönheit gewarnt und Gefahren vorhergesagt, die von ihr ausgehen würden; verkünde mir nun du, der du jedes kommende Übel schon im Schoß der Zeit vorhersehen kannst, was ich tun soll, um in Frieden leben zu können.« 

»Entferne die Ursache allen Übels und schicke diese ungläubige Frau fort. « 

»Lieber laß ich von meinem Königreich«, rief Aben Habuz. »Du schwebst in der Gefahr, beides zu verlieren«, erwiderte der
Astrologe. 
»Zürne mir nicht, weisester aller Philosophen. Erwäge die doppelte Not, das zweifache Unglück in der Brust eines Menschen,der zugleich König und Liebender ist. Zeige mir Mittel und Wege, mich vor drohendem Unheil zu schützen. Ich verlange nicht nach Ruhm, es gelüstet mich nicht nach Macht! Ich sehne mich nur nach Ruhe, nach einem stillen Zufluchtsort, wohin ich
mich von der Welt und allen ihren Sorgen, ihrem Prunk und ihren Unruhen zurückziehen kann, um dort den Rest meiner Tage
in Frieden und Liebe zu verbringen. « 

Mit gerunzelter Stirn und unter den dichten Augenbrauen blinzelnd, blickte ihn der Astrologe an und sprach: »Und was gibst du
mir, wenn ich dir einen solchen Zufluchtsort verschaffe, ehrwürdigster aller Könige?« 

»Du selbst sollst deinen Lohn bestimmen, und was es auch sein mag, bei meiner Seele, es soll dir gehören, wenn es sich im Bereich meiner Macht befindet. « 

»Hast du schon etwas von dem Garten von Jrem gehört, o König, jenem Wunder des glücklichen Arabiens?« 

»Ich habe davon gehört; schließlich spricht auch der Prophet im Koran davon, in jenem Kapitel, das mit >Die Dämmerung des
Tages< überschrieben ist. Zudem: Viele Mekkapilger, erzählten wunderbare Dinge von diesem Garten Gottes. Allerdings hielt
ich bisher all dies für Fabeln, wie solche von Reisenden erzählt werden, die entlegene Länder besucht haben.« 

»Du handelst nicht klug, mein König, wenn du den Berichten der Pilger mißtraust«, erwiderte ernst der Astrologe, »sie
enthalten kostbares Wissen, das von den Enden unserer Erde herbeigeholt ist. « 

Und sich ruhig den langen Bart streichend fuhr er fort: »Was nun den Palast und den Garten von Jrem im speziellen anbelangt,
so ist das, was man von ihm berichtet, die volle Wahrheit. Ich habe mit diesen meinen Augen Palast und Gärten gesehen.
Höre auf den Bericht meines Abenteuers, denn er hat Bezug auf den Gegenstand meines Begehrens!« 

Ibrahim überlegte eine Weile, schöpfte dann tief Atem und begann mit leiser Stimme seine Erzählung: 

»In meinen jungen Jahren, als ich nichts als ein umherziehender Beduine war, hütete ich die Kamele meines Vaters, dessen
Seele Allah gnädig sein möge. Als wir einmal durch die Wüste von Aden zogen, entfernte sich eines der besten Tiere von der
Herde, verirrte sich und ging verloren. Vergebens suchte ich mehrere Tage nach ihm; müde und abgehetzt legte ich mich
eines Mittags neben einen spärlich rieselnden Brunnen unter eine schattige Palme und schlief bald ein. Als ich erwachte, fand
ich mich an den Toren einer Stadt. Ich trat ein und erblickte prächtige Straßen, Plätze, Märkte und Hallen; aber alles war still
und kein Mensch war zu sehen; es schien sich um eine verzauberte Stadt ohne Einwohner zu handeln. 

Lange Zeit schlenderte ich durch die Gassen und kam endlich zu einem prachtvollen Palast mit einem großen Garten, der mit Springbrunnen und Fischteichen, Lauben und Rosenhecken geschmückt war; Obstbäume standen darin mit den köstlichsten Früchten, aber auch hier war niemand zu sehen und kein Laut zu hören. Geängstigt und erschrocken eilte ich fort, und als ich
die Stadt durch das Tor verlassen hatte, wandte ich mich nochmals um, denn zu schön für eines Sterblichen Auge war alles
gewesen. Noch einen einzigen Blick wollte ich auf Stadt und Gärten werfen, aber nichts mehr war davon zu sehen. Nur die stumme Sandwüste breitete sich vor meinen Augen aus. 

In der Nähe traf ich kurze Zeit danach einen alten Derwisch, der mit den Geheimnissen des Landes wohlvertraut war, und
erzählte ihm, was ich gesehen hatte. 

>Da<, sagte er mir, >war der weltberühmte Garten von Jrem, eines der vielen Wunder der Wüste. Nur von Zeit zu Zeit zeigt er
sich einem Wanderer, wie er sich dir gezeigt hat, und erfreut ihn mit dem Anblick von Türmen, Palästen, Mauern und Gartenanlagen mit Obstbäumen und farbenprächtigen Blumen, um dann plötzlich wieder zu verschwinden, derart, daß nichts zurückbleibt als die einsame und öde Wüste. Und wenn du die Geschichte dieses kleinen Pardieses wissen willst, dann höre: 

In alten Zeiten, als dieses Land noch von den Additen bewohnt war, gründete der König Scheddad, der Sohn Ads, eines Urenkels von Noah, hier in dieser Gegend eine große Stadt. Als sie vollendet dastand und er die Schönheit und Größe seines
Werkes sah, schwoll sein Herz vor Stolz und Anmaßung. Sogleich beschloß er, einen königlichen Palast zu bauen und diesen
mit Gärten und Anlagen zu umgeben, solcher Art, daß sie alles in den Schatten stellen würden, was uns der Koran vom
himmlischen Paradies erzählt. Doch Hochmut kommt vor dem Fall, lehrt uns das Sprichwort, und den stolzen König traf des
Himmels Fluch. 

Er und seine Untertanen vergingen und verschwanden von der Erde, und seine Stadt, seinen prächtigen Palast und die herrlichen Gärten bannt ein ewiger Zauber, der sie vor jedem Menschenauge verbirgt. Nur manchmal steigen sie aus dem Nichts auf, und dann sieht ein Sterblicher des vermessenen Königs Werk, damit so dessen Sünde in steter Erinnerung
bleibe.< 

Diese Geschichte des alten Derwischs und die Wunderwerke, die ich selbst gesehen habe, blieben in meinem Gedächtnis haften, und in späteren Jahren, als ich bereits in Ägypten gewesen und im Besitz des Buchs des Wissens des weisen Salomon war, beschloß ich, wieder in die Wüste bei Aden zu gehen, um den Garten von Jrem nochmals zu suchen. 

Ich brach auf und fand ihn bald meinem sehenden Blick erschlossen. 

Ich zog ein in den Palast des Scheddad und brachte mehrere Tage in diesem kleinen Paradies zu. Die Genien, die des Königs
Heim bewachten, gehorchten meiner magischen Kunst und offenbarten mir die Bannsprüche, deren Zauberkraft den Garten
ins Dasein rief und ihn dann wieder unsichtbar machte. 

Eine solche Königsburg und gleiche Gärten kann ich für dich, friedfertigster aller Könige, hier auf den Berg oberhalb deiner
Hauptstadt leicht hinbauen. Kenne ich nicht alle die geheimen Zaubersprüche? Und bin ich nicht der einzige Besitzer des
Buchs des Wissens, das schon den weisen Salomon berühmt machte?« 

»Oh, großer Sohn des weisen Abu Ayub», rief Aben Habuz mit vor Begierde zitternder Stimme, »du bist fürwahr ein großer
Mann, der weite Reisen unternommen und viel gesehen und gelernt hat! Verschaffe mir ein solches Paradies und fordere jeden Lohn! Dein soll er sein, und verlangtest du auch die Hälfte meines Königreichs.« 

»Ach was!« erwiderte der andere, »du weißt, ich bin ein alter Mann und ein Philosoph, der dürftig lebt und leicht
zufriedengestellt werden kann. Gib mir als Lohn das erste Lasttier mit seiner Bürde, das durch das magische Portal des
Palastes schreitet.« 

Der König bewilligte mit Freuden einen von soviel Zurückhaltung zeugenden Wunsch, und der Astrologe begann sogleich sein Werk. 

Unmittelbar über seiner Klause ließ er auf dem Gipfel des Hügels einen großen und weiten Torweg bauen, der mitten durch
einen festen Turm führte. 

An der Außenseite war ein Portikus mit hohem Bogen, und drinnen ein Innenhof, den starke Türflügel abschlossen. In den Schlußstein des Portals meißelte der Astrologe eigenhändig einen großen Schlüssel; den zentralen Keilstein des äußeren Bogens der Halle - er war höher als der des Tores - versah er mit einer riesigen Hand. 

Diese beiden Zeichen verkörperten mächtige Zaubermittel, über die er viele Sprüche und Formeln in einer unbekannten Sprache murmelte. 

Als dieser Eingang vollendet war, schloß er sich zwei Tage lang in seiner astrologischen Studienhalle ein und beschäftigte sich
ununterbrochen mit geheimen Beschwörungen. Am dritten Tag endlich stieg er den Hügel hinauf und verweilte von Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang auf dessen Gipfel. Erst in später Nachtstunde kam er herunter und ließ sich sogleich dem König Aben Habuz melden. 

»Endlich, mein König«, sagte er, »ist meine Arbeit vollendet. Auf dem Gipfel des Hügels erhebt sich einer der wunderbarsten Paläste, die je eines Menschen Geist erdacht oder das Herz eines Sterblichen erfreut hat. Du findest prächtige Säle, herrliche
Hallen und Gänge, köstliche Gärten, kühle Brunnen und wohlriechende Bäder. Kurzum: Der ganze Berg ist in ein himmlisches
Paradies verwandelt. Gleich dem Garten von Jrem schützt ihn ein mächtiger Zauber, der das Lustschloß vor den Augen und
den Nachforschungen der gemeinen Sterblichen verbirgt und nur die dort alles Schöne genießen läßt, denen der Zauber kein
Geheimnis ist.« 

»Genug!« rief Aben Habuz erfreut, »morgen früh mit Tagesanbruch wollen wir hinaufsteigen und dein Meisterwerk besichtigen.« 

Wenig schlief der glückliche König in dieser Nacht. Kaum vergoldeten die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne die verschneiten Gipfel der Sierra Nevada, als er schon zu Pferd stieg und, nur von einem kleinen Gefolge begleitet, den steilen
und schmalen Weg zum Gipfel des Berges hinaufritt. 

Neben ihm trabte auf einem weißen Zelter die gotische Prinzessin, angetan mit einem herrlichen, von Juwelen blinkenden
Seidenkleid; die silberne Leier trug sie an einer mit Perlen besetzten Goldkette, leicht über die Schulter gehängt. 

Gestützt auf seinen Hieroglyphenstab schritt langsam zu Fuß der Astrologe dahin, denn er bestieg nie ein Pferd. 

Aben Habuz blickte sich um. Er suchte auf der Höhe des Berges den Palast, die Türme, die schattigen Terrassen und duftigen
Gärten. Doch nichts war von all dem zu sehen. 

»Darin liegt eben das große Geheimnis«, sagte der weise Ibrahim, »und darin liegt auch die Sicherheit des Ortes, denn niemand kann das Schloß und die Anlagen sehen, der nicht den zaubergeschützten Torweg durchschritten oder )die Bergkuppe erobert hat.« 

Als sie sich dem Eingang näherten, blieb der Magier stehen und zeigte dem König die in Stein gehauene mystische Hand und
den Schlüssel und sagte zu seinen Begleitern, lauf Portal und Bogen hinaufweisend: »Das ist der Zauberbann, der den Eingang ins granadinische Paradies schützt. 

Jene steinerne Hand muß zum Schlüssel im Keilstein heruntergreifen und ihn fassen, dann erst zerbricht der Zauber. Weder
menschliche Gewalt noch Zauberkunst können, ohne daß dies geschieht, dem Herrn dieses Berges Schaden zufügen.« 

Während der alte Aben Habuz mit offenem Munde und stummer Verwunderung die mystischen Zeichen anstarrte, schritt das
Pferd der Prinzessin langsam weiter und trug sie in das Portal hinein, durch den Portikus hindurch bis in die Mitte des Außenwerkes. 

»Sieh dort«, rief in eben diesem Augenblick der weißbärtige Astrologe, »da geht der mir verheißene Lohn. Das erste Tier, das
durch den magischen Eingang schreitet, gehört mit seiner gesamten Last mir! « 

Aben Habuz lächelte bei diesen Worten Ibrahims; er hielt .,alles für einen scherzhaften Einfall des alten Mannes. 

Aber als er sah, daß das kein Spaß war, rief er zitternd vor Wut und Zorn: »Sohn des Abu Ayub! Betrüge mich nicht, lege dich
nicht mit mir an! Du kennst genau den Sinn meines Versprechens. Gemeint war das erste Lasttier, das mit seiner Bürde
durch das Portal schreitet. Das und nichts anderes wollte ich sagen. Nimm den stärksten Maulesel -'aus meinen Ställen, belade ihn mit den kostbarsten Schätzen meines Reiches, und sie sind dein; aber erdreiste dich nicht, mir jene Frau
abzufordern, die die Wonne und das Glück meines Herzens ist. « 

»Was soll ich mit all dem Reichtum aus deiner Schatzkammer«, rief verächtlich der Magier aus Arabien, "habe ich nicht das
Buch Salomons des Weisen, mit dessen Hilfe ich über alle verborgenen Schätze der Erde gebiete? Dein königliches Wort ist
verpfändet, und die schöne Christin gehört dem Wortlaut des Vertrages nach nun mir. Sie ist mein Eigentum von diesem Augenblicke an.« 

Die Prinzessin blickte stolz von ihrem Zelter herab, und ein leichtes Lächeln des Hohnes kräuselte ihre rosigen Lippen bei diesem Streit der beiden alten Männer um den Besitz der durch sie verkörperten Jugend und Schönheit. 

Der König konnte sich indessen nicht länger beherrschen; der Zorn übermannte ihn, und alle Vorsicht vergessend rief er laut:
»Du Hundesohn der Wüste! Du magst Meister vieler Künste sein, aber dein Meister bin ich und werde es immer sein! Treibe
nicht mit deinem Herrn und König Scherz. Das könnte dich teuer zu stehen kommen! « 

»Mein Meister! « wiederholte wild lachend der Astrologe, »was Ihr nicht sagt, mein König! « 

Aus Ibrahims Blicken zuckten Blitze, als er fortfuhr: »Der Besitzer eines elenden Maulwurfshügels will den beherrschen, der
über das Wissen Salomons gebieten kann? Regiere du dein kleines Reich und schwelge, du geiler Greis, in deinem Narrenparadies. Ich hohnlache über dich und deinesgleichen in meiner philosophischen Einsamkeit. Leb wohl, Aben Habuz!« 

Bei diesen Worten faßte er die Zügel des edlen Pferdes, stieß seinen Zauberstab in die Erde und versank samt der gotischen
Prinzessin durch den Boden in der Mitte der Torganges. Die Erde schloß sich über ihnen gleich wieder, und keine Spur deutete hin auf den furchtbaren Vorgang. 

Aben Habuz war sprachlos vor Erstaunen, als er da hilflos mitansehen mußte, wie die Erde Roß und Reiterin und Zauberer
verschlangen. Aber er war bald wieder Herr seiner Sinne, rief Tausende von Arbeitern herbei und ließ sie pausenlos mit
Hacken und Schaufeln an der Stelle graben, wo der Astrologe kurz zuvor verschwunden war. 

Sie gruben und gruben, doch vergebens; der felsige Grund des Berges widerstand ihren Werkzeugen, und wenn sie nach harter Arbeit wirklich eine kleine Grube gegraben hätten, dann rieselten der Sand und die Erde zurück und füllten die eher unscheinbare Vertiefung wieder aus. Aben Habuz suchte unterdessen den Eingang zum unterirdischen Palast des Astrologen. Gleichfalls vergebens, denn wo ehemals der Zugang war, da fand er nur eine glatte Felswand ohne Spalt und Loch. 

Mit dem Verschwinden des Ibrahim Ibn Abu Ayub erlahmten auch die geheimen Kräfte und Eigenschaften des Talismans auf dem Turm der Königspfalz. 

Fest und still stand von nun an der bronzene Reiter, Gesicht und Speer dem Tor zugekehrt, wo der Astrologe mit der schönen
Gotengräfin verschwunden war, als ob dort der wahre Feind des Königs sich aufhalte. 

Von Zeit zu Zeit vernahm man aus dem Innern des Hügels Musik und Gesang, und ein Bauer brachte sogar einmal dem König
die Nachricht, daß er in der vergangenen Nacht im Fels einen Spalt gefunden habe, durch den er hineinkriechen und in eine
unterirdische Halle von seltener Schönheit und Pracht habe hinabblicken können. 

Der weißbärtige Astrologe Ibrahim habe dagesessen, schlummernd und träumend auf bequemen Daunenpolstern, umwoben
von den magischen Silbertönen, die die schönste Gotin ihrer Leier entlockte. 

Aben Habuz machte sich sofort auf die Suche nach dem Spalt im Felsen, doch der hatte sich wieder geschlossen. 

Abermals wollte er seinen Nebenbuhler und die geraubte Prinzessin ausgraben und den Weg zum magischen Palaste finden; aber alle Versuche blieben vergebens. Zu mächtig war der Zauber von Hand und Schlüssel in den Kei staunen des festen Portals; weder Menschenmacht noch Menschenkraft konnten ihn unwirksam machen und den Bann brechen. 

Die Kuppe des Berges blieb nackt und leer; der verheißene Palast mit den Wundergärten unsichtbar. Die Leute nahmen aber
an, daß alles nur ein Märchen des Astrologen gewesen sei, und so nannten die einen den Platz, wo dieses Paradies hätte
stehen sollen, »Des Königs Torheit«, während ihn andere »Des Narren Paradies« nannten. 

Um den Kummer des friedlichsten aller Könige und unglücklichsten aller Liebhaber noch zu vermehren, regten sich auch seine
feindlichen Nachbarn wieder. Bald hatten sie erkannt, daß sich der ihn schützende magische Zauber verflüchtigt hatte und er
gleich allen anderen Sterblichen A', um Macht und Besitz kämpfen mußte. 

Als Aben Habuz noch vom Zauberreiter beschützt und bewacht war, als er auf dem Schachbrett des Turmzimmers mit der kleinen Lanze Heere vernichtete, hatte er stolz seine Angreifer gereizt und verhöhnt. 

Nun fielen diese in sein Land ein, trugen reiche Beute davon und verbitterten so den Rest des Lebens des ehrwürdigsten und
tugendhaftesten Königs, den es je gab. 

Endlich starb Aben Habuz und wurde begraben. 

Jahrhunderte sind seitdem verflossen. Kunstbegeisterte Fürsten erbauten auf dem so ereignisreichen und berühmten Hügel
die Alhambra, wo der Traum vom Garten Jrem Wirklichkeit wurde und wir heute noch ein zu Stein gewordenes Märchen aus
Tausendundeiner Nacht bewundern können. 

Noch steht der verzauberte Eingang unversehrt da; der Zahn der Zeit konnte ihm nichts anhaben. Es ist die Puerta de la
Justicia, das Tor der Gerechtigkeit, der Hauptzugang zur alten Maurenpfalz. 

Noch immer schützen ihn die von Ibrahim gemeißelte Hand und der Schlüssel, und unterm Turm soll der Überlieferung nach in
seiner unterirdischen Halle der alte Astrologe hausen und auf einem Diwan dahindämmern, vom Klang der Leier der
Gotenprinzessin in den Traum gewiegt. 

Die alten Veteranen, die am Tor der Gerechtigkeit Wache halten, vernehmen von Zeit zu Zeit in lauen Sommernächten die
bannenden Töne der silbernen Leier und schlafen dann, alles vergessend, ruhig ein. ja, der Zauber ist so stark, daß man auch
tagsüber die Posten dieses Außenwerkes auf den steinernen Bänken träumend oder unter den nahen Bäumen schlafend,antrifft. Es dürfte sich um das einschläferndste Quartier der ganzen Christenheit handeln. 

All das, sagt die alte Legende, wird noch Jahrhunderte dauern. Die gefangene Prinzessin wird fortfahren, den Astrologen in
bannenden Schlummer zu halten, bis endlich am jüngsten Tag die Posaunen zum letzten Gericht rufen, oder bis die mystische Hand nach dem magischen Schlüssel greift und so den auf dem Berg liegenden Zauber wirkungslos macht und aufhebt.
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#3
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Die Sage vom Prinzen Achmed al Kamel, dem Liebespilger 

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Es lebte einmal in Granada auf der Alhambra ein maurischer König, dessen einziger Sohn Achmed hieß. 



Die Höflinge gaben ihm den Beinamen Al Kamel, der Vollkommene, wegen der unzweifelhaften Beweise und der

vielen Anzeichen von Klugheit und Charakterstärke, die sie schon in seiner Kindheit an ihm bemerken konnten. Die

Astrologen bestätigten in ihren Auskünften die Meinung der Hofleute und prophezeiten dem Prinzen für die Zukunft all

das, was einen Herrscher vollkommen, glücklich und beliebt machen kann. Eine einzige Gewitterwolke nur schwebe

über ihm, und auch die wäre rosigster Natur, so sagten die sternkundigen Weisen: er würde, meinten sie, sich leicht

und heftig verlieben, und in Folge dieser zärtlichen Leidenschaft zu Liebeshändeln und galanten Abenteuern in große

Gefahren geraten. 



Wenn er aber bis in sein mannbares Alter allen Lockungen und Zartheiten der Liebe fest widerstünde, dann, so meinten

die Astrologen weiter, könnten derartige Gefahren und deren Folgen vermieden werden, und das spätere Leben des

Prinzen Thronfolgers werde glücklich verlaufen. 



Um alle derartigen Widerwärtigkeiten zu vermeiden, beschloss der König in seiner Weisheit, den Prinzen in einer

Umgebung erziehen zu lassen, wo er nie ein weibliches Wesen zu Gesicht bekäme oder auch nur das Wort Liebe

hören könnte. Zu diesem Zweck baute er auf dem der Alhambra gegenüberliegenden Berg einen herrlichen Palast, ließ

dort die wundervollsten Gärten anlegen und dann herum eine hohe Mauer errichten. Anlagen und Palast stehen heute

noch und sind unter dem Namen »Generalife" .weithin bekannt und berühmt. In diesem Prunkgebäude wurde der

jugendliche Prinz eingeschlossen und der Obhut des Eben Bonabben anvertraut. 



Es war dies ein großer Gelehrter aus Arabien, trocken und uncharmant wie seine Papyrusrollen, der den größten Teil

seines Lebens in Ägypten mit dem Studium der Hieroglyphen und dem Erforschen der Pharaonengräber hingebracht

hatte. Ein solcher Hauslehrer entsprach natürlich den strengen Wünschen des Königs, denn der alte Ägyptologe zog

Pyramidengräber und Mumien den verführerischsten Frauenschönheiten vor. 



Auf Anordnung der Hofkanzlei sollte der Weise den Prinzen in allen Disziplinen unterrichten und ihm jedes Wissen

vermitteln, mit einer einzigen Ausnahme, denn nie 4 durfte er erfahren, fühlen und kennen, was Liebe sei. Streng sagte

der König zu dem Weisen aus dem Morgenland: »Wende zu diesem Zweck jede Vorsichtsmaßregel an, die du für

geeignet hältst; allein bedenke, o Eben Bonabben, dass du einen Kopf kürzer gemacht werden wirst, wenn mein Sohn

während seiner Studienzeit mit dir etwas von diesen verbotenen Kenntnissen erfahren würde. « 



Mit trockenem Lächeln antwortete der weise Bonabben auf die Drohung und sprach dann überlegt und jedes Wort

betonend: »Möge dein königliches Herz so unbesorgt um deinen Sohn sein, wie es das meinige um meinen Kopf ist.

Glaubst du etwa, dass ich etwas von Frauenschönheit, Üppigkeit, Lust und Lüsternheit verstände und über Liebe

dozieren könnte?« 



Unter der wachsamen Obhut des Philosophen wuchs der Prinz in der Abgeschiedenheit des Palastes und Einsamkeit

der ummauerten Gärten auf. Zur Bedienung hatte er schwarze Sklaven, hässliche Geschöpfe, die bei ihrer

Scheußlichkeit nichts von Liebe wussten, oder, wenn es er Fall sein sollte, keine Worte hatten, es anderen mitzuteilen,

denn alle waren sie stumm, die einen von Geburt her, die anderen auf Grund eines Eingriffes des königlichen

Scharfrichters. 



Auf die Heranbildung der geistigen Anlagen des Prinzen verwandte Eben Bonabben besondere Sorgfalt und suchte ihn

möglichst bald in die geheimen Weisheiten Ägyptens einzuweihen. Doch in diesem Fach machte der Prinz nur wenig

Fortschritte, und bald zeigte es sich, dass er zur Philosophie absolut keine Neigung hatte. Aber er war ein auffallend

gehorsamer junger Mann, ließ sich leicht beeinflussen und gab in der Regel seinen guten Ratgebern recht. Auch war er

sehr höflich, unterdrückte das Gähnen und hörte geduldig den langen und gelehrten Ausführungen Eben Bonabbens zu,

von denen er gerade so viel verstand, dass er sich mit der Zeit ein etwas allgemeines Wissen aneignen konnte, das für

seine zukünftige Herrscherlaufbahn unumgänglich notwendig war. 



Achmed erreichte so glücklich das zwanzigste Lebensjahr, ein Wunder prinzlicher Weisheit, allein ein Ignorant in

Sachen Liebe, von deren Existenz er nie gehört hatte. 



Um diese Zeit änderte sich jedoch merklich das Benehmen des Prinzen. Er vernachlässigte vollständig seine Studien,

streifte viel in den Gärten umher oder saß stundenlang am Brunnenbecken und schaute grübelnd ins Wasser. Früher

schon hatte er manchmal etwas Musik getrieben; doch jetzt nahm sie einen großen Teil seiner Zeit in Anspruch. Sein

Sinn für Dichtkunst und Gesang war erwähnenswert, und den von ihm verfassten Liedern und Gedichten konnte eine

gewisse Poesie nicht abgesprochen werden. Bei all diesen merkwürdigen Anzeichen wurde der weise Eben

Bonabben unruhig und bemühte sich, dem jungen Mann die eitlen Launen mit einem tiefschürfenden Vortrag über

Algebra auszutreiben. Aber der Prinz unterbrach ihn voll Unlust und sagte: Ach kann die Algebra nicht ausstehen; sie ist

mir verhasst. Ich will etwas hören, das zum Herzen spricht! « 



Der Weise schüttelte bei diesen Worten sein welkes Haupt und dachte bei sich: »Jetzt ist's mit der Philosophie aus!

Der Prinz hat entdeckt, dass er ein Herz hat. « 



Mit ängstlicher Sorgfalt überwachte er seinen Zögling und sah, wie es in seinem Innern arbeitete, dass ein liebevolles

Herz und Gemüt nach einem Gegenstand suchte, den es beglücken durfte, um wieder beglückt zu werden. Ziellos

wandelte Achmed durch die Gärten des schönen Generalife und suchte dort ein Wesen, das er beglücken könnte. Wie

weltfern träumte er manchmal vor sich hin, dann griff er zur Laute und entlockte ihr die rührendsten Melodien, bis ihn

auch das Saitenspiel ermüdete und das herrliche Instrument seinen Händen entfiel, wobei er tief seufzte und laut

klagend auf den Boden starrte. 



Nach und nach nahm aber die Liebe des Prinzen festere und etwas konkrete Formen an. So pflegte er seine

Lieblingsblumen mit ganz besonderer Sorgfalt und lag dann wieder träumend im Schatten einer schlanken Pinie, der

seine spezielle Zuneigung galt; in ihre Rinde schnitt er Namen und astrologische Schriftzeichen, hing Blumengewinde in

ihr Gezweig und besang des Baumes Schönheit in zarten Versen, während er dazu die Laute schlug. 



Eben Bonabben beruhigte natürlich dieses exaltierte Benehmen seines Zöglings wenig, den er gleichsam schon vor

der verschlossenen Pforte sah, die zu jenem Wissen führte, das ihm sein Vater vorenthalten wollte. Das unscheinbarste

Ereignis konnte diese Tür weit öffnen, der leiseste Wink ihm das verhängnisvolle Geheimnis kundtun. 



Um das Wohl des Prinzen besorgt und um die Sicherheit des eigenen Kopfes zitternd, beschloss er schnell zu handeln,

denn nur so konnte das Schlimmste vermieden werden. Der lammfromme Jüngling musste im Schlossturm seine

Wohnung aufschlagen, und scharfe Wachen unterbanden seine die Nerven aufreizende Spaziergänge durch den

weiten Garten mit seinen verführerischen Rondellen, Laubengängen und Brunnenanlagen. Die neuen Gemächer lagen

im höchsten Stockwerk des Bergfrieds, waren mit ausgezeichnetem Geschmack eingerichtet, und von den Balkonen

genoss man eine herrliche Rundsicht über die Vega, Allerdings bis zu diesen Wohnräumen hinauf drang kein süßer

Duft von Blumen und Blüten, kein Rauschen der springenden Wasser und auch nicht das Summen der Honig

suchenden Bienen, nichts von all dem, was in Achmeds Gemüt Veränderungen herbeigeführt und in ihm bisher

unbekannte Gefühle plötzlich hatte aufkommen lassen. 



Doch war es notwendig, ihn mit diesem Zwang auszusöhnen und dafür zu sorgen, dass er anderweitige Ablenkungen

fand. Das schien allerdings anfänglich schwierig, denn der weise Lehrer hatte bereits alle seine Kenntnisse

zerstreuender Art erschöpft, und über Algebra und Physik, Astronomie und Heilkunde durfte man mit dem jungen Mann

ja nicht mehr sprechen. 



Aber auch hier fand Eben Bonabben einen Ausweg. Glücklicherweise verstand er die Sprache der Vögel; während

seines Aufenthaltes in Ägypten lehrte sie ihn ein jüdischer Rabbiner, der seine Kenntnisse in gerader Linie bis auf

Salomon den Weisen zurückführte, welcher bekanntlich bei der Königin von Saba darin unterrichtet worden war. 



Schon bei der Erwähnung eines solchen Studiums funkelten dem Prinzen vor Erregung die Augen, und er arbeitete mit

solchem Eifer, dass er in kürzester Zeit diese Kunst ebenso beherrschte wie sein Lehrer. 



Von nun an war für ihn der Turm des Generalife kein gar so einsames Gefängnis mehr; er hatte einige Gefährten, mit

denen er reden konnte und die ihm allerhand Neuigkeiten brachten und erzählten. So machte er zu allererst die

Bekanntschaft mit einem Habicht, der in einer Mauerspalte auf der hohen Turmzinne sein Nest gebaut hatte, von wo

aus er weit und breit herumstreifte und die Gegend nach Beute absuchte. Der Prinz indessen fand eigentlich wenig

Gefallen an dem gefederten Strauchritter. Er war ein simpler Pirat der Lüfte, ein großsprecherischer Prahlhans, dessen

Geschwätz sich nur um Raub, Totschlag und mörderische Greueltaten drehte. 



Darauf lernte er eine Eule kennen; das war ein sehr weise aussehender Vogel, mit einem riesigen Kopf und starr

glotzenden Augen, der tagsüber in einem Mauerloch vor sich hinblinzelte und nur während der Nacht ausflog. Viel

bildete sich der Uhu auf seine tiefschürfende Weisheit ein, hielt Vorträge über Astrologie, sprach von Mond und

Sternen und gab gelegentlich auch Aufklärungen, die ganz geheimes Fachwissen betrafen. Doch er redete auch über

Metaphysik, und der Prinz fand, dass die diesbezüglichen Vorlesungen noch viel langweiliger waren als die

unausstehlichen Belehrungen des weisen Eben Bonabben. 



Dann war noch eine Fledermaus da, die den ganzen Tag an ihren Beinen in einer der dunkelsten Ecken des Gewölbes

hing und erst in der Dämmerung aufwachte, um schrill aufpfeifend durch Hallen und Gärten zu flattern. Es war ein

merkwürdiges Tier; es hatte von allen Dingen nur ganz verschwommene Ideen, und mit zwielichtigem Verständnis

spottete es über Sachen und Gedanken, von denen es kaum gehört hatte. Auch war der Flatterer sehr mürrisch und

schien an nichts Gefallen zu finden. 



Zu diesen Genossen stellte sich auch noch eine Schwalbe ein, die anfangs dem Prinzen wirklich sehr gut gefiel, denn

sie war eine nette Gesellschafterin und zerstreute den einsamen Jüngling mit ihrem Gezwitscher. Doch war sie ruhelos,

und geschäftig flog sie von einem Ort zum andern; immer unterwegs, blieb sie selten lang genug auf einem Fleck, um

ein ordentliches Gespräch führen zu können. Es erwies sich, dass sie eine ganz gewöhnliche Schwätzerin und

Klatschbase war, die über alles Bescheid zu wissen meinte und doch nichts wusste. 



Dies waren die einzigen gefiederten Freunde, die Achmed hatte. Der Turm war viel zu hoch, als dass andere Vögel ihn

hätten erreichen können. 



Bald wurde jedoch der arme Prinz seiner gefiederten Bekannten überdrüssig, deren Unterhaltung weder seinen

Verstand und schon gar nicht sein Herz ansprachen. Wieder saß er verlassen und trübsinnig in seinem einsamen

Turmzimmer und starrte traurig vor sich hin. 



So verging der kalte Winter, und der Frühling hielt seinen Einzug mit all den Blumen und Blüten, dem saftigen Grün und

den lieblichen Düften, die diese Jahreszeit auszeichnen. Die Natur erwachte aus ihrem Winterschlaf; alles begann zu

sprießen und zu wachsen. Die Zeit war da, wo die Vögel sich paarten und ihre Nester bauten. In den Hainen und Gärten

des Generalife hörte man ein Singen und Raunen, das bis ins einsame Turmzimmer zum gefangenen Prinzen

hinaufklang; von allen Seiten erschollen Lieder, ein Fragen und Werben mit dem gleichen Thema, das immer wieder in

... Liebe-Liebe-Liebe ... ausklang. Schweigend und verwirrt horchte Achmed erstaunt auf und fragte sich verwundert:

»Was mag wohl diese Liebe sein, von der die ganze Welt so voll ist? Was kann dieses Ding nur bedeuten, von dem

ich noch niemals gehört habe?« 



Er wandte sich also an seinen Freund, den Habicht, und bat ihn um Aufklärung. Doch der wilde Vogel antwortete

verächtlich: »Da musst du dich schon an die gewöhnlichen Vögel wenden, die in Gärten und Wäldern friedlich ihr

Dasein fristen und dazu da sind, uns, den Fürsten der Lüfte, als Jagdbeute zu dienen. Mein Handwerk ist der Krieg und

Kämpfen meine Freude. Ich bin ein harter Mann und weiß nichts von den Dingen, die man Liebe nennt. « 



Mit Abscheu wandte sich der junge Prinz vom wilden Habicht ab und suchte die philosophierende Eule an ihrem

Zufluchtsort auf. Das ist ein Vogel von friedlichen Sitten und Bräuchen, sagte er sich, und wird sicherlich imstande sein,

meine Frage zu beantworten. 



So bat er denn die Eule, ihm zu sagen, was es mit der Liebe für ein Bewandtnis habe, von der alle Vögel unten in den

Wäldchen und Gärten sängen. 



Als der Uhu diese so vulgäre Frage hörte, schaute er würdevoll auf und sagte mit beleidigter Stimme: »Ich bin Forscher

und verbringe die Nächte mit klugen und klaren Studien, und während des Tages denke ich über das nach, was ich

gelernt habe und was mir gelehrt wurde. Die Singvögel, von denen du sprichst, sind für mich nicht vorhanden; ich höre

sie nicht und verachte ihre dummen Lieder. Allah sei gepriesen! Ich kann nicht singen, aber ich bin ein Philosoph und

Astronom, der von den Dingen da, die man Liebe nennt, nichts weiß.« 



Verwirrt begab sich nun Achmed ins Gewölbe, wo seine Freundin, die Fledermaus, wie gewöhnlich an ihren Füßen

kopfabwärts hing und stumm vor sich hin träumte. Er legte auch ihr die für ihn so wichtige Frage vor. Die Fledermaus

runzelte ihre Nase und antwortete recht schnippisch: »Warum störst du mich mit dieser blöden Frage in meinem

Morgenschlaf? Du solltest wissen, ich fliege nur in der zwielichtigen Dämmerung umher, wenn alle Vögel schlafen und

kümmere mich um ihr Treiben nicht. Ich bin weder Vogel noch Säugetier, wofür ich dem Himmel danke. Ich habe sie

alle als Schurken kennengelernt und hasse alles, was da fleucht und kreucht. Mit einem Wort: Ich verachte dieses

Gesindel und ihre Welt und weiß nichts von den Dingen, die man Liebe nennt.« 



Nun blieb dem Prinzen nur noch die Schwalbe, an die er sich wenden konnte. Er suchte sie sogleich auf und traf sie

nach längerem Suchen oben auf der Turmspitze, wo er sie sogleich anhielt und ihr sein Herz ausschüttete. 



Die Schwalbe war, wie gewöhnlich, in großer Eile und hatte kaum Zeit zu antworten. »Auf mein Wort«, schnatterte sie

gleich los, »ich habe so viele öffentliche Geschäfte zu besorgen und so viel zu tun, dass ich bis heute noch keine Zeit

gefunden habe, über dieses Thema nachzudenken. Ich habe jeden Tag tausend Besuche zu machen, mich um tausend

Sachen von Wichtigkeit zu kümmern, so dass mir kein Augenblick frei bleibt, mich mit derartig unbedeutendem

Firlefanz zu beschäftigen. Ich bin eine freie Weltbürgerin und weiß nichts von dem, was man Liebe nennt. « Mit diesen

Worten schoss die Schwalbe ins Tal hinunter und war im Nu in der Ferne verschwunden. 



Der junge Mann war zutiefst enttäuscht, dass keiner seiner Freunde ihm sagen konnte, was Liebe eigentlich sei. Die

Schwierigkeiten, etwas darüber zu erfahren, aber stachelten seine Neugier nur noch mehr an, und er beschloss, der

Sache nun auf den Grund zu gehen, koste es was es wolle. In dieser gefährlichen Gemütsverfassung traf ihn der alte

Lehrer auf der Plattform des Turmes an. Der Prinz ging schnell auf ihn zu und rief aufgeregt: »0 Eben Bonabben,

weisester aller Lehrer, du hast mich viel gelehrt, mir viele irdische Geheimnisse enthüllt! Es gibt aber einen

Gegenstand, von dem ich nichts weiß, dessen Sinn und Form ich nicht kenne. Ich bitte dich, mich darüber aufzuklären,

denn ich will erkennen, worum es sich handelt. « 



»Mein Prinz hat nur die Frage zu stellen, und alles, was im beschränkten Bereich meiner Kenntnisse ist, steht ihm

bedingungslos zur Verfügung.« 



»So sage mir denn, du größter aller Weisen, was ist die Natur der Dinge, die man Liebe nennt?« 



Eben Bonabben war wie vom Blitz getroffen. Ihm wurde ganz übel zumute; er zitterte, das Blut wich aus seinen Wangen,

und es schien ihm, als säße sein Kopf nur mehr ganz lose auf den Schultern. 



»Wie kommt mein Prinz auf solche Gedanken und zu einer solchen Frage? Wo mag er wohl so eitle und überflüssige

Worte gehört haben?« 



Der Prinz führte ihn ans Turmfenster und auf den Balkon hinaus und sagte ernst mit verschleierter Stimme: »Hör einmal

hin, o Eben Bonabben! « 



Und der Weise lauschte mit hellhörigem Ohr. Unten im Gebüsch saß eine Nachtigall und sang ein Liebeslied der Rose

zu; aus jedem Wäldchen, von den Beeten, ja aus jedem Blütenzweig stiegen melodienreiche Hymnen auf, und

tausendfach hörte man immer wieder: »Liebe! Liebe! Liebe!« 



»Allah akbar! Gott ist groß!«, rief der weise Bonabben aus, »wer könnte sich anmaßen, dieses Geheimnis dem Herzen

des Menschen vorenthalten zu wollen, wenn es sogar die Vögel der Luft laut in die Natur hinausschmettern.« 



Dann wandte er sich Achmed zu und fuhr fort: »Junger Mann, verschließe dein Ohr, auf dass du nicht diese

verführerischen Töne hörst! Und lass ab, nach dem Sinn und Sein von Dingen zu forschen, deren Kenntnisse deinem

Geist und deiner Seele nur Unheil bringen werden. Wisse, diese Liebe ist die Ursache allen Übels, oder wenigstens

fast aller Übel und der Hälfte allen Wehs, das die sterblichen Menschen dieser armen Welt zwischen seinen

Mühlsteinen zu zermahlen droht. Sie ist es, die Hass und Streit zwischen Brüdern und Freunden zeugt, die den

meuchlerischen Mord gebiert und furchtbare Kriege entfacht. Kummer und Sorge, traurige Tage und schlaflose Nächte

sind ihr Gefolge. Sie bringt die Schönheit der Jugend zum Welken und vergiftet ihre frohen Stunden, was Übel und

Elend und ein vorzeitiges Altern zur Folge hat. Allah bewahre dich, mein Prinz, er möge dich schützen! Dringe nie

darauf, das zu wissen, was man Liebe nennt! « 



Nach diesen Worten verließ der weise Bonabben eiligst seinen Schüler. Er ließ ihn in größter Verwirrung zurück. 



Achmed konnte keine Ruhe finden; vergebens versuchte er, sich alle Gedanken an die Liebe aus dem Kopf zu

schlagen, die ihn ständig quälten und seinen Geist erschöpften. Er kam über eitle Vermutungen nicht hinaus und konnte

der Sache nicht auf den Grund kommen. 



»Merkwürdig«, überlegte er, »ich kann aus diesen herrlichen Melodien keinen Kummer heraushören«, als er dem

Gesang der Vögel wieder und immer wieder lauschte, »in allem klingt Zärtlichkeit, aus jedem Ton spricht Freude!

Wenn die Liebe wirklich die Ursache von so viel Elend und Streit wäre, warum trauern dann nicht diese Vögel

schmachtend in der Einsamkeit der Wälder? Warum werden sie nicht zu wilden Faltern und reißen einander in Stücke?

Warum flattern diese wunderbaren Geschöpfe fröhlich und zufrieden in den Gärten und Wäldchen herum und spielen

miteinander unter Blumen und Blüten, wenn Liebe nur Hass, Zwietracht und Unglück zeugt?« 



Eines Morgens lag Achmed auf seinem Diwan und dachte angestrengt über diesen noch immer ungeklärten und ihm

unerklärlichen Tatbestand nach. Das Fenster seines Zimmers stand offen, um den sanften Morgenwind hereinzulassen,

der mit, dem feinem Duft aus den Orangengärten im Darrotal heraufkam. Leise hörte man den Sang der Nachtigall,

das Zwitschern der Schwalben und Zirpen der Grillen und aus der Ferne her liebliches Saitenspiel. Während nun der

Prinz melancholisch diesem zauberhaften Konzerte lauschte, weckte ihn lauter Flügelschlag aus seinen Träumen. Eine

von einem Habicht verfolgte Taube schoss durchs Fenster ins Zimmer und fiel erschöpft auf den Fußboden, während

der um seine Beute gebrachte Verfolger wieder zu seinem Horst in den Bergen zurückflog. 



Der jugendliche Prinz nahm den schwer keuchenden Vogel auf, strich ihm das Gefieder glatt und drückte ihn liebevoll

an seine Brust. Es war ein Täuberich. Als es ihm endlich gelungen war, den schönen Vogel zu beruhigen, setzte er ihn

in einen goldenen Bauer und gab ihm eigenhändig den feinsten Weizen und das reinste Wasser zur Atzung. Doch das

Tier nahm keine Nahrung zu sich. Traurig und gramvoll saß es auf der Sprosse und seufzte erbarmungswürdig. 



»Was fehlt dir?« fragte Achmed besorgt. »Hast du nicht alles, was dein Herz begehrt?« 



»0 nein«, erwiderte der Täuberich, »ich bin von der Gefährtin meines Herzens getrennt und noch dazu im schönen

Frühling, der glücklichen Jahreszeit der wahren Liebe!« 



»Der Liebe?« wiederholte Achmed. »Ich bitte dich, liebes Tier, kannst du mir sagen, was Liebe ist?« 



»Nur zu gut kann ich das, mein Prinz. Sie ist die Qual bei einem, das Glück bei zweien, sie bringt Streit und die

Feindschaft bei dreien. Sie ist der Zauber, der zwei Wesen zueinander hinzieht, sie bei vorhandener

Seelenverwandtschaft vereinigt und ihr Beieinandersein zum Glück, ihr Getrenntsein aber zum Unglück werden lässt.

Gibt es kein Wesen, zu dem du in zärtlicher Neigung dich hingezogen fühlst?« 



»Ich liebe meinen alten Lehrer Eben Bonabben mehr als jedes andere Wesen; aber er redet oft langweilig, und hin und

wieder fühle ich mich ohne seine Gesellschaft weit glücklicher.« 



»Das ist nicht die Seelenverwandtschaft, die ich meine. Ich rede von der Liebe, dem großen Geheimnis und dem

schöpferischen Prinzip allen Lebens, für die Jugend ist sie Rausch und dem Alter ruhige Freude. Blicke hinaus, mein

Freund, und sieh, wie zu dieser Jahreszeit die ganze Natur von Liebe erfüllt ist. jedes lebendige Wesen hat seinen

Liebesgenossen; der unscheinbarste Vogel singt seiner Liebsten ein Lied, aus dem seine heißen Gefühle sprechen,

selbst der Käfer im Staub und Mist wirbt jetzt um sein Weibchen, und jene Schmetterlinge, die du hoch über dem Turme

flattern und in der Luft spielen siehst, sind glücklich in der Liebe. Ach, mein guter Prinz, wie konnten nur so viele Jahre

deiner Jugend verstreichen, ohne dass du von der Liebe etwas erfahren hast? Gibt es kein zartes Wesen des anderen

Geschlechts eine schöne Prinzessin, ein liebenswürdiges Burgfräulein, die dein Herz gewonnen und bei dir den

Wunsch, von ihnen geliebt zu werden, erweckt hat?« 



»Ich fange an zu verstehen«, sagte der junge Prinz seufzend; »oft habe ich durchaus solche Empfindungen und eine

ähnliche Unruhe in mir verspürt, aber ohne deren Ursache zu kennen. Doch wo sollte ich in meiner Einsamkeit und

Abgeschlossenheit jenes Wesen suchen, in das ich 



Lange noch unterhielten sich beide, bis die erste Liebeslektion des Prinzen beendet war. 



Ernst blickte Achmed, dann murmelte er leise: »Wenn die Liebe wirklich eine solche Wonne ist und man ohne sie nur in

seelischem Elend leben kann, so möge Allah verhüten, dass ich ein verliebtes Paar unglücklich mache!« 



Rasch öffnete er den Käfig, nahm den Vogel heraus, küsste ihn zärtlich und trug ihn zum Fenster. 



»Fliege, glücklicher Vogel, genieße die Jugend und freue dich zusammen mit deiner Gefährtin darüber, dass es

Frühling ist. Du sollst in diesem traurigen Turm nicht mein Zellengenosse sein, hier, wo die Liebe keinen Zutritt hat. « 



Glücklich breitete der Tauber seine Flügel aus, hob sich mit einem Schwung in die Luft und schoss dann im Sturzflug

hinunter zu den blühenden Lauben am Darro. 



Der Prinz folgte ihm mit den Augen bis er seinen Blicken entschwand. 



Nichts machte dem jungen Mann von nun an mehr Freude; nicht das Singen der Vögel, nicht das Zirpen der Grillen und

auch nicht der berauschende Blumenduft von Rosen, Nelken und Orangenblüten. All das verstärkte nur seine Bitterkeit.

Nach Liebe lechzte sein Herz! Liebe! 



Liebe! Ach, nun verstand er die Melodie, das Lied der Geschöpfe, das von Liebe sprach. 



Seine Augen sprühten Feuer, als er nach einigen Tagen den weisen Bonabben wieder sah. Voll Zorn rief er ihm zu:

»Warum. hast du mich in solcher Unwissenheit aufwachsen lassen? Warum ließest du mich nicht das große Geheimnis

des Lebens und das Wunder allen Seins kennen, welches selbst den niedrigsten Insekten bekannt ist! Sieh und hör,

die ganze Natur befindet sich in einem Taumel des Entzückens! jedes Wesen freut sich seines Gefährten. Das ist die

Liebe, von der du mir hättest erzählen müssen. Warum versagt man mir allein ihren Genuss? Warum wurde mir all die

Jahre, ja selbst heute noch, diese Freude vorenthalten?« Der weise Bonabben sah ein, dass jede weitere

Geheimnistuerei vollkommen nutzlos wäre, dass der Prinz bereits all das wusste, was ihm nicht gelehrt und gesagt

werden sollte. Also sprach er zu ihm von der Vorhersagung der Astrologen und den Vorsichtsmaßregeln, die man bei

seiner Erziehung getroffen hatte, um das drohende Unheil abzuwenden, das über ihm schwebte. 



»Und jetzt, mein Sohn«, fügte er hinzu, »liegt mein Wohl und Wehe in deinen Händen. Wenn dein königlicher Vater

erfährt, dass du trotz meiner Aufsicht und Obhut die Leidenschaft der Liebe kennengelernt hast, so kostet mich das

meinen Kopf, denn unser Sultan pflegt Wort zu halten.« 



Der Prinz war Eben Bonabben durchaus zugetan, und da er bis jetzt das Feuer der Liebe nur unbewusst spürte, so

versprach er, sein neues Wissen für sich zu behalten, um den Kopf des Philosophen nicht zu gefährden. 



Doch das Schicksal wollte es, dass seine Großmut noch auf harte Proben gestellt werden sollte. Als er einige Tage

später frühmorgens auf der Plattform des Bergfrieds auf und ab ging, seinen Gedanken nachhängend, da kam der

Tauber wieder geflogen und setzte sich furchtlos auf seine Schulter. 



Voll Freude liebkoste ihn der Prinz und sagte mit bewegter Stimme: »Glücklicher Vogel, der du wie auf Schwingen der

Morgenröte bis ans Ende der Welt fliegen kannst! Wo warst du seit jenem Tag, an dem ich dir die Freiheit schenkte?« 



»In einem fernen Land, mein Prinz, aus dem ich dir zur Belohnung für deine Großmütigkeit eine Nachricht bringe.

Einmal sah ich auf meinem weiten Flug über wilde Berge und fruchtbare Ebenen tief unter mir einen herrlichen Garten

voll der schönsten Blumen und Blüten, mit Bäumen, deren Äste und Zweige sich unter der Last der wundervollsten

Früchte bogen. Er lag in einer grünen Aue, an den Ufern eines Flusses, dessen klare Wasser sich durch die Ebene

dahinschlängelten. In der Mitte dieses Paradieses stand ein prächtiges Schloss. Ich flog auf eine Baumgruppe zu, um

dort auszuruhen, denn anstrengende Tage lagen hinter mir. Es war ein schönes Plätzchen; rundherum Blumen in allen

Farben des Regenbogens, angenehm riechende Früchte, und unten auf der Rasenbank saß eine junge Prinzessin, die

in ihrer Schönheit und Anmut einem Engel glich. junge Dienerinnen, feengleich wie sie, waren ihre Hofdamen, sie

schmückten das Mädchen mit Blumenkränzen. Doch keine der Blumen, selbst die nicht aus den hängenden Gärten der

Semiramis, konnten mit dem Königskind an Schönheit wetteifern. 



Allein die Prinzessin blühte dort, einem Veilchen gleich im Verborgenen, denn der Garten war von hohen Mauern

umgeben, und kein Sterblicher durfte eintreten. Als ich dieses schöne Mädchen sah, so jung, so unschuldig, so rein und

ohne Makel, da sagte ich mir sofort: >Das ist das Wesen, das der Himmel geschaffen hat, damit mein freundlicher

Prinz die Liebe kennenlernt.<« 



Diese Worte fielen wie zündende Funken in das Herz Achmeds, dessen Liebessehnsucht endlich das erwünschte

Wesen gefunden hatte. 



Aufgeregt schrieb er einen leidenschaftlichen Brief an die schöne Prinzessin; in wohlgesetzen Sätzen gestand er ihr

seine Liebe und beklagte traurig sein hartes Los. Nur die Gefangenschaft, so stand in dem Brief, hindere ihn daran sie

aufzusuchen und sich ihr zu Füßen zu werfen. Er fügte Verse hinzu, in denen er mit zärtlicher Beredsamkeit seinen

Gefühlen Ausdruck gab. 



Als Aufschrift trug der Brief die Worte: 



»An die schöne Unbekannte, von dem gefangenen Prinzen Achmed.« Schließlich schüttete er noch Moschus und

Rosenöl über das Schreiben und übergab es dann dem Tauber. 



»Nun, lieber Bote!« sagte er. »Fliege über Berge und Täler, über Flüsse und Ebenen, Wiesen und Wälder! Raste aber

nicht eher im Gebüsch und Laub der Bäume, setze deinen Fuß nicht eher auf die Erde, bis du diese Botschaft der

Geliebten meines Herzens übergeben hast.« 



Der Täuberich schwang sich hoch in die Luft, nahm Richtung und schoss dann davon. Der Prinz folgte ihm mit den

Augen, bis nur mehr ein ganz kleiner Punkt am fernen Horizont zu sehen war, der allmählich in der Weite entschwand. 



Tag um Tag wartete Achmed auf die Rückkehr des Liebesboten; aber vergebens suchte er stundenlang den Himmel

nach dem Tauber ab. Schon fing er an, ihn der Vergesslichkeit zu schelten, als der treue Vogel eines Abends gegen

Sonnenuntergang in sein Zimmer flatterte, dort auf den Boden fiel und starb. Der Pfeil eines mutwilligen Bogenschützen

hatte ihm die Brust durchbohrt, und dennoch flog er mit den letzten Lebenskräften weiter bis auf den Turm zum Prinzen,

der ihn so dringlich erwartet hatte. 



Als dieser sich kummervoll über den Märtyrer der Treue beugte, bemerkte er, dass der tote Tauber eine feine

Perlenschnur um seinen Hals trug, an der, versteckt unterm Flügel, ein kleines Medaillon hing, auf dem ein wundervolles

Emailbildchen zu sehen war. Dieses zeigte eine schöne Prinzessin in der ersten Blüte ihrer Jahre. Ohne Zweifel

handelte es sich um die schöne Unbekannte im Lustgarten, von der der gute Tauber einst gesprochen hatte. Wer war

sie aber, und wo lebte sie? Wie hatte sie seinen Brief aufgenommen, und war das kleine Bildchen wirklich eine Zusage

und eine Antwort, ein Zeichen der Genehmigung seiner Leidenschaft? Die tote Taube aber schwieg und blieb für ewig

stumm, und der feurige Liebhaber sollte auf seine Fragen keine Antwort mehr bekommen. 



Er blickte sehnsuchtsvoll auf das Bild, bis seine Augen in Tränen schwammen; dann küsste er es, drückte es an sein
Herz und betrachtete es wieder stundenlang mit zärtlicher Leidenschaft. 
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#4
»Schönes Bild«, sagte er, »ach, du bist nur ein Bild! Doch deine frischen Augen strahlen mir zärtlich entgegen, deine
rosigen Lippen scheinen mich zu ermutigen! Eitle Einbildung, alles ist Phantasie! Lächelten sie einem glücklichen
Nebenbuhler nicht ebenso lieblich zu? Mein Gott im Himmel, wo kann ich wohl dieses schöne Mädchen finden, das der
Künstler hier malte? Wer weiß, welche Berge und Länder uns trennen. Wer kennt die Gefahren, die uns drohen?
Vielleicht drängen sich jetzt, gerade jetzt, Freier um sie, während ich hier im Turm gefangen sitze und meine Zeit mit
Seufzen und der Anbetung eines gemalten Schattens verliere! « 

Rasch entschlossen sagte Achmed weiter: »Ich will aus diesem Palast entfliehen, denn er wurde mir zum verhassten
Gefängnis! Und als Pilger der Liebe werde ich durch die ganze Welt ziehen und suchen, bis ich die unbekannte
Prinzessin finde und an mein Herz drücken kann.« 

Weiter überlegend sagte sich der junge Mann, dass tagsüber, wenn die Diener und Wächter alle aus und ein liefen,
eine Flucht wohl schwerlich gelingen dürfte, er also den Einbruch der Nacht abwarten müsse, denn da stünden dann nur
ganz wenige Posten auf den Mauern, und selbst die schliefen oft, denn niemand befürchtete einen Ausbruch des
lammfrommen Prinzen. Aber wie sollte er bei seiner Flucht in dunkler Nacht den rechten Weg finden? Er kannte doch
die Gegend nicht! In dieser unangenehmen Lage fiel ihm die Eule ein, die Rat wissen musste, denn sie war es
gewohnt, bei Nacht herumzustreifen und auf geheimen Pfaden und Wegen auf die Pirsch zu ziehen. Umgehend begab
er sich nun in ihre Klause und fragte sie bezüglich ihrer Landeskenntnisse aus. Die Eule setzte eine gewichtigte Miene
auf und sagte ernst, jedes Wort betonend: »Du musst wissen, mein Prinz, dass wir Eulen eine weitverzweigte und alte
Familie darstellen; es ist richtig, dass wir etwas verarmt und heruntergekommen sind, aber noch immer nennen wir in
allen Teilen Spaniens viele hundert verfallene Schlösser und Türme unser eigen. Es gibt kaum eine Bergwacht auf
schroffem Fels, keine Festung in den Ebenen, keinen Palast in einer kastilischen Stadt und keine Pfalz auf den Hügeln
Andalusiens, in der nicht ein Bruder, ein Oheim oder Vetter wohnte. Oft besuchte ich schon meine lieben Verwandten
und kam dabei durchs ganze Land, das ich in meinem Wissensdrang genauest durchforschte. Ich kenne also jeden
Winkel, jeden Weg und Steg von nah und fern und auch den geheimsten Unterschlupf, den Menschen je betreten hatten.
« 

Achmed war hocherfreut, in der Eule einen so kundigen Berater gefunden zu haben und berichtete ihr nun im Vertrauen
von seiner zärtlichen Liebe und seinen Fluchtplänen. Auch bat er sie inständig, ihn auf der Reise zu begleiten, da er
ihren Rat ja so notwendig brauche, denn allein käme er in seiner Unerfahrenheit nicht weiter. 

»Wieso ich!« schnauzte ihn die Eule unfreundlich an, »glaubst denn du wirklich, dass ich mich mit Liebeshändeln
befasse? Ich, deren Zeit, Tun und Lassen ausschließlich der sinnenden Betrachtung, dem Studium und dem Mondkult
geweiht ist?« 

»Sei nicht böse, höchst ehrwürdige Eule«, war Achmeds Antwort, »opfere mir deine kostbaren Tage, und lass eine
Weile die Meditation und den Mond. Hilf mir bei meiner Flucht, und sei mein Führer durchs unbekannte Land. Ich will
dich reichlich dafür belohnen, denn alles sollst du haben, was dein Herz wünscht.« 

»Ich habe alles, was mein Herz begehrt«, schnarrte der unfreundliche Vogel; »ein paar Mäuse als frugales Mahl, dieses
Mauerloch als Wohnung sind reichlich genug für mich, denn ein Philosoph braucht nicht mehr.« 

»Bedenke, weiseste aller Eulen und Uhus, hier im Verborgenen gehen deine großen Talente und Kenntnisse für die
Welt verloren; niemandem nützen sie, und niemand kennt sie. 

Ich werde eines Tages regierender Fürst sein, und dann kann ich dich auf einen Posten von Rang und Ehren setzen,
von wo du mit deinen weisen Entschlüssen das ganze Land beglückend organisieren und seine Bewohner als guter
Kanzler führen könntest. « 

Wenn auch die Eule ein Philosoph war und sich über die gewöhnlichen Bedürfnisse des Lebens erhaben fühlte, so
hatte sie doch noch nicht jeden Ehrgeiz verloren, und Minister konnte man schließlich und endlich nicht alle Tage
werden. Der kluge Vogel ließ sich nach einigen Versprechungen ohne Mühe dazu bringen, dass er zusagte, den jungen
Prinzen auf seiner Liebesfahrt zu begleiten und sein Führer und Ratgeber zu werden. 

Verliebte pflegen rasch zu handeln und ihre Pläne umgehend zu verwirklichen. Der Königssohn suchte alle seine
Juwelen, Goldmünzen und Schmuckstücke zusammen und versteckte das Reisegeld in seinen Kleidern. In derselben
Nacht noch ließ er sich an geknüpften Gürteln vom Balkon herunter, lief durch den Garten und sprang ungesehen über
die Außenmauer des Generalife. Einmal draußen, übernahm gleich die Eule die Führung, und beide erreichten noch
vor Tagesanbruch glücklich das Gebirge, wo sie in Sicherheit waren. 

Der Prinz und sein Mentor setzten sich nun zusammen und berieten, was weiterhin zu tun sei und welchen Weg', man
nehmen müsste. 

Ernst Und gewichtig, wie alle Hofräte, hub die Eule alsogleich zu sprechen an: »Wenn ich dir raten darf, so schlage ich
vor, dass wir uns nach Sevilla begeben. Du musst wissen, dass ich vor Jahren mehrmals dort meinen Oheim besuchte,
einen Vogel von hoher Würde und großem Ansehen. Er wohnte in einem verfallenen Flügel des Sevillaner Alcazars und
empfing nachts seine Besuche, dass ich also gar viele Bekanntschaften machen konnte. Allein oder mit guten
Freunden durchstreifte ich dann die Stadt und konnte dabei viel sehen und lernen. Auf meinen nächtlichen
Spazierflügen hatte ich auch bemerkt, dass in einem Turm in der Nähe des königlichen Alcazars fast immer eine
Ölfunzel brannte, was natürlich meine Neugierde ganz gewaltig erregte. Ich ging der Sache nach, flog zum Turm und
ließ mich vorsichtig auf der Zinne nieder. Von dort aus sah ich einen arabischen Zauberer, der beim Schein der
rauchenden Lampe emsig arbeitete und wissenschaftliche Versuche machte. Vor, neben und hinter ihm lagen
stoßweise Bücher und gelbe Pergamentrollen, und auf seinen Schultern saß ein alter Rabe, der vertrauteste Freund,
den er seinerzeit aus Ägypten mitgebracht hatte. Mit dem Raben bin ich sehr gut bekannt und verdanke ihm einen
großen Teil meiner Kenntnisse. Der Magier selbst ist seitdem gestorben, aber der Rabe lebt noch im gleichen
Turmzimmer, denn du weißt ja, dass diese Vögel ein wunderbar langes Leben haben. Ich möchte dir nun raten, o Prinz,
diesen Raben aufzusuchen; er ist ein großer Wahrsager und Beschwörer, ein Astrologe und Fachmann in der
schwarzen Kunst, wegen der gemeinhin alle Raben, vorzugsweise aber die aus Ägypten, bekannt und berühmt sind.« 

Dem Prinzen leuchtete der weise Rat ein, und seinem zukünftigen Minister folgend, zogen sie in Richtung Sevilla
weiter. Achmed reiste seinem Genossen zuliebe nur des Nachts und ruhte bei Tag in irgendeiner dunklen Höhle oder in
einem verfallenen Wachtturm, denn die Eule war mit den Unterkünften und Schlupfwinkeln solcher Art wohlbekannt, und
außerdem hatte sie von je eine wahre Leidenschaft für jede Art von alten Bauten und archäologischen Kunstschätzen. 

Alles hat einmal sein Ende, und so erreichten auch die beiden Reisenden eines schönen Tages kurz vor
Sonnenaufgang die Stadt Sevilla. Die Eule blieb draußen vor den Mauern. Sie verabscheute die Helligkeit und den
großen Lärm in den dichtgedrängten Straßen. In einem hohlen Baum bei einer Muhme schlug sie ihr Quartier auf, wo
sie von niemandem belästigt wurde. 

Der Prinz schritt rasch durchs Tor und fand bald den beschriebenen Turm, der sich gleich einer Palme hoch über die
Häuser der Stadt erhob. Es war in der Tat derselbe, der heute noch steht und unter dem Namen Giralda als das
berühmteste maurische Bauwerk Sevillas bekannt ist. 

Achmed stieg die steile Wendeltreppe bis zur Spitze des Turms hinauf und traf dort tatsächlich den zauberkundigen
Raben. Es war ein alter Vogel, grauköpfig, mit struppigem Gefieder; auf einem Auge schien er blind zu sein, denn eine
weiße Haut deckte es zu, was seinen Anblick gespensterhaft, ja furchterregend machte. Als der Prinz kam, stand er auf
einem Bein und starrte einäugig mit zur Seite geneigtem Kopf vor sich hin auf die kabbalistischen Zeichen, die auf den
Bodenfliesen zu sehen waren. 

Leise und ehrerbietig näherte sich ihm der königliche Besucher, mit jener Scheu, die das würdige Aussehen und sein
übernatürliches Wissen jedem unwillkürlich einflößten. 

»Verzeih mir, o ältester Meister in der Kabbala«, rief er aus, »wenn ich einen Augenblick diese Studien unterbreche,
die die gesamte Welt in Bewunderung versetzen. Du hast einen Mann vor dir, der sich der Liebe geweiht hat und dich
nun um Rat fragen möchte, wie er ans Ziel, zum Gegenstand seiner Leidenschaft gelangen könne.« 

»Mit anderen Worten«, sagte der Rabe, ihn bedeutungsvoll anschielend, »du willst meine Kenntnisse in der
Chiromantie erproben. Komm, zeig mir deine Hand, und lass mich die geheimnisvollen Schicksalslinien entziffern. « 

»Entschuldige«, versetzte der Prinz, »ich komme nicht um einen Blick in die Zukunft zu tun, auch will ich nicht das
wissen, was Allah dem Auge der Sterblichen verborgen hält; ich bin ein Pilger der Liebe und suche den Weg, der mich
ans Ziel und zum Gegenstand meiner Irrfahrten führt.« 

»Aber mein guter junge, wie ist es möglich, dass du im fröhlichen und leichtlebigen Andalusien nicht ein deiner Liebe
wertes Wesen finden kannst?« krächzte der alte Rabe und blickte ihn von der Seite her an, »hier im üppigen Sevilla
kannst du doch unmöglich in Verlegenheit kommen, hier wo unter Orangenbäumen auf den Straßen und in Gärten
glutäugige Mädchen Zainbra tanzen?« 

Der Prinz wurde rot vor Verlegenheit und staunte einigermaßen darüber, einen so alten Vogel, der übrigens bereits mit
einem Fuß im Grabe stand, derartig locker sprechen zu hören. 

»Glaube mir«, sagte er daher ernst, »ich bin auf keines jener leichtfertigen Liebesabenteuer aus, wie du vielleicht
vermutest. Die leichtgeschürzten, schwarzäugigen Mädchen Andalusiens, die unter Orangenbäumen an den Ufern des
Guadalquivirs tanzen, sind für mich nicht vorhanden, und ich kümmere mich keineswegs um sie. Ich suche eine
unbekannte, aber makellose Schönheit, das Mädchen, das zu diesem Bild Modell stand. Ich ersuche dich, höchst
mächtiger Rabe, sage mir, wenn du kannst und es dein Wissen erlaubt, wo ich das begehrte, schöne Geschöpf suchen
muss und finden werde. « 

Der alte Graukopf war wirklich etwas betroffen, als er den Prinzen mit solchem Ernst sprechen hörte. 

Er erwiderte daher abweisend: »Was weiß ich von Jugend und Schönheit! Ich besuche ja nur Alte und von Krankheiten
gezeichnete Wesen; nichts habe ich mit Frische und Schönheit zu tun! Ich bin des Schicksals Bote und krächze von den
Schornsteinen herab meine traurigen Weissagungen, die fast immer eine Todesnachricht enthalten, und schlage dann
und wann mit meinen Flügeln an die Fenster eines Krankenzimmers, wenn der Sensenmann sich nähert. Du musst
schon anderswo nach deiner unbekannten Schönen forschen, denn ich bin wirklich nicht der Richtige dazu, der dir
darüber Nachricht geben könnte. « 

»Aber bei wem sonst soll ich suchen, als bei den Söhnen der Weisheit, die im Buche des Schicksals lesen können?
Wisse, ich bin ein Prinz königlichen Geblüts, von den Sternen zu geheimnisvollen Unternehmungen auserwählt, von
denen die Zukunft und das Schicksal ganzer Länder und Nationen abhängen kann.« 

Als der Rabe merkte, dass die Angelegenheit von Wichtigkeit war und dass deren Verwirklichung von den Sternen
abhänge, da änderte er gleich seinen Ton und sein Benehmen. Aufmerksam lauschte er der Erzählung des Prinzen,
und als dieser geendet hatte, sagte er in gewichtigem Ton: Ȇber diese Prinzessin kann ich dir leider keine Auskunft
geben, denn in Garten und Lauben, wo Frauen sind, halte ich mich in der Regel nicht auf. Aber ziehe bis Córdoba
weiter und gehe dort zur ehrwürdigen Palme des großen Abderrahman, die im Hof der Mezquita steht, und dort wirst du
einen Weisen finden, der alle Länder und alle königlichen Residenzen besucht hat und ein Liebling vieler Königinnen
und Fürstinnen gewesen ist. Man wird dir dort sicherlich die gewünschte Auskunft geben können. « »Vielen Dank für
diese wertvolle Nachricht«, sagte Achmed, »und lebe wohl, du ehrwürdiger Astrologe«. 

»Fahre hin, Pilger der Liebe«, sagte der Rabe wenig freundlich und vertiefte sich neuerlich in seine kabbalistischen
Diagramme. 

Der Prinz eilte aus der Stadt hinaus, holte seinen Reisegenossen, die Eule, ab, die noch immer im hohlen Baum bei
ihrer Gevatterin schlummerte, und zog eiligst in Richtung Córdoba weiter. 

Sie wanderten das fruchtbare Tal des Guadalquivirs aufwärts, durch duftende Haine, Orangenpflanzungen und
Zitronenwälder, und kamen endlich an den hängenden Gärten Córdobas vorbei, die die Umgebung der Stadt zierten.
Am stark bewachten Tor trennten sich die beiden Fahrtgenossen; die Eule blieb draußen und flog in ein dunkles
Mauerloch unter dem Wachtturm, während der Prinz eilig weiterging, um die Palme zu suchen, die der große
Abderrahman vor uralten Zeiten gepflanzt hatte. Leicht war es ihm, sie zu finden, denn sie stand im Vorhof der
Hauptmoschee und überragte weit die übrigen Bäume. Derwische und Fakire saßen gruppenweise in den
Säulengängen der Patios und erörterten diskutierend und gestikulierend irgendein theologisches Problem. Auch waren
viele fromme Gläubige da; sie verrichteten ihre rituellen Waschungen, ehe sie das Gotteshaus betraten. 

Am Fuß der Palme drängte sich eine Menge von Menschen und horchte aufmerksam auf die Worte eines Redners, der
mit gewandter Geläufigkeit zu sprechen schien. 

»Dies«, sagte sich der Prinz, »muss der Weise sein, der mir Auskunft über die unbekannte Prinzessin geben soll.« 

Achmed mischte sich unter die Leute und bemerkte mit Erstaunen, dass alle einem Papagei zuhörten, der mit seinem
hellgrünen Rock, den verschmitzten Äuglein und einem wehenden Federbusch auf dem Kopf den Eindruck eines eitlen
und von sich selbst eingenommenen Wesens machte. 

- Wie kommt es«, sagte der Prinz zu einem der Zuhörer, »dass so viele ernste Personen an dem dummen Geschwätz
eines plappernden Vogels Gefallen finden können?« 

»Freund, ihr wisst nicht von wem und was ihr sprecht!« antwortete leise der andere; »dieser Papagei ist ein direkter
Nachkomme des berühmten persischen Papageis, der wegen seines Erzählertalentes auf der ganzen Welt berühmt
war. Dieser kluge Vogel hier hat alle Gelehrsamkeit des Morgenlandes auf seiner scharfen Zungenspitze; er ist
Philosoph und Dichter, und er spricht in gereimten Versen ebenso schnell, wie der klügste Derwisch seine auswendig
gelernten Koranzitate. Weit kam er herum! Er besuchte fremde Königshöfe, Universitäten und hohe Schulen, und
überall bestaunte ihn jung und alt wegen seiner Gelehrsamkeit. Auch war er der allgemein anerkannte Liebling schöner
Damen und verbrachte viel Zeit in Kemenaten und Harems, was bei der Vorliebe des schwachen Geschlechtes für
dichtende und gebildete Papageien leicht verständlich ist.« 

Hier unterbrach Achmed den Bürger von Córdoba und rief: »Genug, ich will eine private Unterredung mit diesem
berühmten Weisen haben.« 

Die Audienz wurde ihm gewährt, und der Liebespilger setzte dem weisen und vielgereisten Vogel Ziel und Zweck
seiner Wanderschaft auseinander. Doch kaum hatte dieser vom Herzeleid Achmeds gehört, als er auch schon in ein
trockenes und lautes Lachen ausbrach, dass ihm die Tränen aus den Augen flossen. 

»Entschuldige meine Heiterkeit«, sagte der Papagei, »schon die bloße Erwähnung des Wortes Liebe bringt mich zum
Lachen.« 

Der Prinz war von dieser unhöflichen Heiterkeit keineswegs erbaut und sagte etwas verletzt. »Ist die Liebe nicht das
große Geheimnis der Natur, das heilige Prinzip des Lebens, das gemeinsame Band, das in zarter
Seelenverwandtschaft Mann und Frau sich finden lässt?« 

»ja, was du nicht alles weißt!« rief der Papagei, ihn laut unterbrechend, »sag mir doch, woher hast du eigentlich dieses
sentimentale Geschwätz? Glaub mir, Liebe ist aus der Mode! In der guten Gesellschaft, bei Leuten von feiner Bildung
und Witz wird darüber nicht mehr gesprochen. « 

Mit Wehmut dachte Achmed an seine arme Freundin, die gute Taube, und wie die ganz anders von der Liebe
gesprochen hatte. Der Prinz fand aber das Verhalten des Papageis verständlich und nahm es ihm nicht übel, denn das
lange Hofleben, so dachte er sich, habe den Vogel affektiert und eingebildet gemacht, was ja auch Männern von Ruf
zustoßen soll. Keinesfalls jedoch wollte er seine innersten Gefühle dem Spott des schwatzenden Papageis nochmals
preisgeben. Er kam daher rasch auf den unmittelbaren Zweck seines Besuches zu sprechen. 

»Sage mir, hochgebildeter Freund von Königen, Fürsten und Prinzessinnen, der du Überall, selbst in die geheimsten
Gemächer der adeligen Schönen Zutritt hattest, begegnetest du einmal auf deinen Reisen diesem schönen Mädchen,
das hier abgebildet ist?« 

Der Papagei nahm das kleine Rundbildchen in seine Krallen, wackelte mit dem Kopf von einer Seite zur anderen und
prüfte mit neugierigen Äuglein die Gesichtszüge des Mädchens. 

»Blitz und Donnerschlag«, rief er, »wirklich ein recht hübsches Gesicht; wirklich schön und zart. Aber ich habe auf
meinen Reisen so viele nette Frauenzimmer gesehen, dass ich mich wirklich nicht erinnern kann. Doch halt, wahrhaftig!
wenn ich recht sehe ... nun bin ich ganz sicher: Es ist die Prinzessin Aldegunda! Wie konnte ich nur diesen Engel
vergessen bei dem ich in so hoher Gunst stand! « 

»Die Prinzessin Aldegunda«, wiederholte Achmed. »Und wo kann ich sie finden?« 

»Immer langsam«, antwortete der Papagei, »sie ist nämlich viel leichter zu finden als zu gewinnen. Aldegunda ist die
einzige Tochter des christlichen Königs von Toledo. Wegen einer Prophezeiung von Astrologen und Wahrsagern, die
sich ja bekanntlich in alle Sachen mischen, auch wenn diese sie selbst nichts angehen, hält man das schöne Mädchen
bis zu ihrem siebzehnten Geburtstag von aller Welt abgeschlossen. Du wirst sie nicht bewundern können, denn kein
Sterblicher darf sie sehen. Ich wurde seinerzeit eingeführt und zugelassen, um sie zu zerstreuen und zu unterhalten, was
mir bei dem guten Kind auch leicht gelang. Auf mein Ehrenwort kann ich dir versichern, dass ich auf der Welt kein
hübscheres und liebenswerteres Wesen gesehen habe.« 

»Ein Wort im Vertrauen, lieber Papagei«, sagte Achmed, »du musst wissen, dass ich der Erbe eines großen
Königreiches bin und eines Tages auf dem Thron von Granada el bist und die sitzen werde Ich sehe, dass du ein kluger
Vogel bist und die Welt kennst. Hilf mir die Prinzessin freien, und du sollst einer meiner höchsten Hofbeamten werden.
« 

Ernst antwortete der Papagei: »Von Herzen gern, lieber Freund! Was aber die Stellung bei Hof anbelangt, so möchte
ich dich bitten, mir eine gute Pfründe ohne Amtsgeschäfte zu geben, denn wir Schöngeister haben einen gewissen
Widerwillen gegen Arbeit. « 

Bald war alles geordnet, das Anstellungsdekret unterzeichnet, und Prinz und Papagei verließen die Kalifenstadt durch
dasselbe Tor, durch das vor Stunden die königliche Hoheit ratsuchend allein hereingekommen war. 

Draußen vor der Stadtmauer pfiff Achmed die Eule aus dem Mauerloch heraus, machte seine beiden Kronräte
miteinander bekannt, und gemeinsam zogen sie dann nach Erledigung einiger Förmlichkeiten gegen Norden und den
Bergen zu. 

Die Fahrt ging allerdings nicht so schnell vonstatten, wie es der Prinz wohl wünschte; er musste einige
Unannehmlichkeiten mit in Kauf nehmen: Da war einmal der verwöhnte und an ein bequemes Leben gewohnte
Papagei, der in der Frühe nicht gestört sein wollte. Die Eule ihrerseits wieder hielt eine ausgiebige Siesta und döste
bis in den späten Nachmittag hinein; dazu kam noch ihr Fimmel für alte Bauten und archäologische Kunstschätze, die
sie alle sehen wollte. Bei jeder Ruine machte sie halt, kroch in allen Mauerlöchern herum, besuchte Basen und Vettern,
Uhus und Käuze und erzählte dann gar lange Geschichten von den Burgen und Türmen, von deren einstigen Bewohnern
und den Umständen, die ihre Mauern zum Bersten brachten. Zu all dem kamen noch unangenehme
Familienzwistigkeiten: Eule und Papagei vertrugen sich nämlich ganz und gar nicht. Obschon beide Vögel sehr
gebildet waren, behagte keinem die Gesellschaft des anderen; den ganzen Tag hindurch stritten sie, kaum dass sie
sich irgendwo trafen. Der Papagei war ein Schöngeist, die Eule ein Philosoph. Ersterer rezitierte Verse, kritisierte die
neuesten wissenschaftlichen Arbeiten und Bücher, wobei er mit beißendem Spott, aber ohne Fachwissen, die
verschiedensten Disziplinen der Gelehrsamkeit eingehendst behandelte. Für die Eule waren natürlich derartige
Kenntnisse ganz und gar bedeutungslos und reiner Unsinn, und sie antwortete mit einem Vortrag über Metaphysik.
Dann wieder sang der Papagei mancherlei Lieder, die nicht für jedermanns Ohr waren; er erzählte gute Witze und
unterhielt sich auf Kosten seines Reisegenossen. Solches Gehabe verletzte natürlich die Würde der Eule, die sich
furchtbar ärgerte, vor Wut fast barst und den weiteren Rest des Tages wie ein Grab schwieg. 

Der junge Prinz gab sich ganz seinen Träumen hin und betrachtete stundenlang das Bildnis der schönen Tochter des
christlichen Königs von Toledo. Er ließ also die beiden Reisegefährten um des Kaisers Bart streiten, mischte sich nicht
in ihre langen Diskussionen und sorgte nur dafür, dass nicht zuviel Zeit verlorenging. So kamen sie durch die hohen
Bergtäler der Sierra Morena, über die ausgedörrten Ebenen Kastilliens und der Mancha, dann den Tajo entlang, der
sich durch halb Spanien und Portugal hindurchwindet. Endlich erblickten sie in der Ferne eine feste Stadt mit starken
Mauern und Türmen. Sie erhob sich auf einem felsigen Vorgebirge, das weit ins Land hinausschaute und an dessen
Fuß die Wasser des Tajo wild aufspritzten. 

»Seht«, rief die Eule aus, »das berühmte Toledo, bekannt seiner historischen Schätze wegen. Beachtet dort die
ehrwürdigen Türme und die hohen Kuppeln; der Staub von Jahrhunderten deckt sie, und reiche Sagen heiligen den Ort,
an dem so viele meiner Vorfahren sich dem Studium und der stillen Meditation hingaben und noch hingeben.« 

»Still und halt den Schnabel!« rief unwillig der Papagei und schnitt weitere kunsthistorische Erörterungen kurz ab. 

»Was kümmern uns Altertümer, Monumente aus vergangenen Zeiten, Sagen und Geschichten von deinen Vorfahren?
Sieh hinüber, dort zur Wohnstätte der Jugend und Schönheit! Das ist es, was wir wollen, denn, o Prinz, hier lebt deine
lang gesuchte und so heiß ersehnte Prinzessin! « 

Achmed blickte in die vom Papagei angedeutete Richtung und sah in einer herrlichen Au am Ufer des Tajos einen
prächtigen Palast, der aus vielen Hunderten von Baumkronen hervorzuwachsen schien. Es war wirklich der Ort, den die
Taube ihm beschrieben hatte. Klopfenden Herzens starrte der verliebte Prinz zum Schloss und murmelte leise vor sich
hin: »Vielleicht lustwandelt jetzt das schöne Kind unter jenen schattigen Baumgruppen oder schwebt mit leicht
beschwingtem Schritt über die kunstvolle Terrasse dort; vielleicht ruht und schlummert sie in einem kühlen Mirador des
Palastes! « 

Als der junge Mann allmählich wieder zu sich kam, bemerkte er voll Schreck, dass der Ansitz der Toledaner
Königstochter von unübersteiglich hohen Mauern umgeben war und dass bis an die Zähne bewaffnete Soldaten
ununterbrochen die Runde machten, um zu verhindern, dass jemand sich der Prinzessin nähern könne. 

Als der Prinz die Lage erfasst hatte, wandte er sich umgehend an den immer noch schwätzenden Papagei und sagte
zu ihm: "Vollkommenster aller Vögel! Du hast die Gabe der menschlichen Sprache, und durch große Klugheit zeichnest
du dich aus! Fliege eiligst in den Schlossgarten, suche die Abgöttin meiner Seele und sag dem schönen Mädchen,
dass Prinz Achmed als Pilger der Liebe nun an die blumigen Ufer des Tajos gekommen ist, um sie aufzusuchen und
sich ihr zu Füßen zu werfen.« 

Stolz auf sein Amt flog der Papagei alsogleich zum Garten, schwang sich über die hohe Mauer, schwebte wie suchend
eine kurze Weile über den Wiesen und Beeten und ließ sich dann rasch auf dem Balkon eines Lusthäuschens nieder,
das am Flussufer stand. Neugierig schaute er durchs Fenster und sah drinnen im Zimmer die Prinzessin auf einem
reichen Diwan sitzen, die Augen auf ein Stück Papier geheftet, das ihre Tränen, die langsam über ihre ,blassen
Wangen herunterflossen, netzten. 

Der Papagei putzte einen Augenblick seine Flügel, zog seinen hellgrünen Rock zurecht, richtete seine Kopfschleife in
die Höhe und ließ sich mit höflichem Anstand an ihrer Seite nieder. Im zärtlichsten Ton sagte er dann: »Trockne deine
Tränen, schönste aller Prinzessinnen, ich bringe dir Trost und zaubere wieder Lächeln auf deine zarten Lippen.« 

Verständlicherweise erschrak die Prinzessin heftigst, als sie eine Stimme hinter sich hörte. Rasch drehte sie sich um
und den grünröckigen Vogel betrachtend, der sich untertänigst verneigte, sagte sie traurig: »Ach!, welchen Trost willst
du mir schon bringen, du bist ja nur ein Papagei?« 

Es verdross den Papagei solche Rede, aber er schluckte seinen Ärger hinunter und sagte in schnippischem Ton:
»Wisse liebes Kind, gar manche schöne Dame tröstete ich schon in meinem Leben, und mit Erfolg! Doch dies nur
nebenbei, denn heute komme ich als Gesandter des königlichen Prinzen Achmed. Der künftige Herrscher von Granada
weilt gegenwärtig an den blumenreichen Ufern des Tajo und will dir seine Aufwartung machen.« 

Scharf blitzten die Augen der schönen Prinzessin bei diesen Worten auf und leuchteten heller als die Diamanten ihrer
Krone. 

»0 süßester aller Papageien«, rief sie aus, »herrlich klingen in der Tat deine Nachrichten! Schwach und verzagt war
ich, und die Zweifel an Achmeds Treue machten mich krank. Eile zurück und sage ihm, dass die Worte seines Briefes
in meinem Herzen gemeißelt stehen und dass seine liebevollen Verse seit Monaten die geistige Nahrung meiner Seele
sind, dass nur die Gedanken an ihn mich aufrecht hielten. Trage ihm aber auch auf, dass er sich umgehend rüste, denn
mit der Waffe in der Hand wird er im Kampfspiel seine Liebe zu mir unter Beweis stellen müssen. Morgen an meinem
siebzehnten Geburtstag veranstaltet mein Vater ein großes Turnier, an dem die besten Klingen und mutigsten Helden
in die Schranken treten werden, denn meine Hand soll als Preis dem Sieger gehören.« 

Der Papagei erhob sich, rauschte durchs Gebüsch und flog zum Prinzen zurück, der schon ungeduldig auf eine Antwort
wartete. Groß war die Freude Achmeds als er hörte, dass im Schlosse wirklich die Prinzessin, deren Bild er im
Medaillon gesehen hatte, wohne und dass sie seiner in sehnsuchtsvoller Liebe gedachte. Laut jubelte er auf, denn sein
Traum war Wirklichkeit geworden. In den Freudenbecher fielen allerdings einige Tropfen bitteren Wermuts; denn das
nun bevorstehende Kampfspiel machte ihm einige Sorgen, was leicht verständlich ist, wenn man bedenkt, dass er nicht
von Kriegern und Rittern erzogen worden war, sondern von einem gelehrten Philosophen. 

Schon sah man stahlgepanzerte Ritter den Tajo entlang und in die Stadt hinauf reiten. Hell glänzten ihre Waffen im
Sonnenschein, und laut schallten die Trompeten und Posaunen der Schildknappen. Viele edle Herrschaften drängten
sich durch die engen Gassen der alten Gotenstadt, und alles wollte dem Turnier beiwohnen, wo man erstmals die
schöne Königstochter zu Gesicht bekommen sollte. 

Die Vorsehung wollte es, dass das Geschick der beiden jungen Königskinder vom selben Stern gelenkt und beeinflusst
wurde. Daher war auch die Prinzessin bis zu ihrem siebzehnten Geburtstag von aller Welt abgeschlossen gewesen, um
sie so vor den gefährlichen Einflüssen einer vorzeitigen Liebe zu schützen. Dies verhinderte jedoch nicht, dass ihre
Schönheit allgemein bekannt wurde und sich bereits mehrere mächtige Prinzen um sie beworben hatten. 

Der König aber, ein Mann von außerordentlicher Klugheit, wollte sich der Tochter wegen mit niemandem verfeinden; er
gab keinem der Freier eine eindeutige Antwort, sondern verwies alle auf das Kampfspiel und sagte, dass der Sieger
die Prinzessin als Ehefrau heimführen könne. Klar, dass sich unter diesen Umständen gar mancher waffengewandte
Haudegen unter den Bewerbern befand, dessen Mut bekannt und gefürchtet war. Eine wirklich unangenehme Lage für
den unglücklichen Achmed, der weder mit Waffen versehen, noch in ritterlichen Übungen erfahren war. 

»Oh, ich unglücklichster aller Prinzen«, rief er verzweifelt aus. »Wozu nützen mir nun Algebra und Astronomie und all die
anderen Wissenschaften, die mich ein Philosoph in klösterlicher Abgeschiedenheit lehrte? Ach, Eben Bonabben,
warum hast du es versäumt, mich in der Führung von Waffen zu unterweisen?« 

Aufmerksam hatte die Eule zugehört, und fromm zum Himmel aufblickend, sagte sie laut dem Prinzen: »Allah akbar!
Gott ist groß! Alle geheimen Dinge liegen in seiner Hand. Er allein lenkt das Schicksal von Königen und Fürsten, und
kein Vogel fällt ohne seinen Willen vom Baum und aus dem Nest.« 

Nach dieser religiösen Einleitung, die seinem Charakter als frommer Moslem entsprach, fuhr der Uhu fort und erklärte:
»Wisse, o Prinz, dass dieses Land voll von Geheimnissen ist, die nur ganz wenige Menschen kennen, weil man dazu in
der Kabbala schon sehr gut bewandert sein muss. Ich bin es, und mir ist alles erschlossen! Merke also gut auf und
höre. In den benachbarten Bergen gibt es eine Höhle. Drinnen befindet sich ein eiserner Tisch, und darauf liegt eine
vollständige Zauberrüstung. Auch steht seit Generationen ein verwunschenes Pferd dort, das der Spruch eines Magiers
gleichzeitig mit dem Panzerkleid und den Waffen in die Grotte gebannt hatte.« 

Der Prinz war außer sich vor Staunen aufgesprungen, während die Eule mit ihren großen Augen blinzelte und die
gefiederten Hörner spitzend fortfuhr: »Vor vielen Jahren begleitete ich hier und da meinen Vater auf den Rundreisen
durch seine Besitzungen, und, wir kamen dabei auch in die erwähnte Höhle. Mehrmals übernachteten wir dort bei
ansässigen Vettern und Basen, so dass ich also bald das Geheimnis kannte. Als ich noch eine ganz kleine Eule war,
erzählte mir auch einmal mein Großvater, dass diese Rüstung und das gewappnete Pferd einem maurischen Zauberer
gehörten, der nach der Einnahme von Toledo durch die Christen in dieser Höhle Zuflucht suchte, hier starb und Ross
und Waffen unter einem geheimnisvollen Bann zurückgelassen habe. Allein ein Maure, sagte mir mein Großvater
weiter, könne den Zauber brechen, und das nur von Sonnenaufgang bis zum Mittag; jeder aber, der sich in dieser Zeit
der Rüstung bediene, werde seine Gegner besiegen, wer immer sie auch seien. « 

»Genug, gehen wir zur Höhle! « rief Achmed aus. 

Von seinem sagenreichen Begleiter geführt, stand der Prinz bald vor der Höhle, wo einst der maurische Magier seine
letzte Zufluchtstätte gefunden hatte. Sie lag in einer der wildesten Bergschluchten hinter Toledo, und den
Höhleneingang konnte nur das scharfe Auge einer Eule oder der Späherblick eines Archäologen entdecken. Eine sich
nie verzehrende Ölfunzel verbreitete im Innern der Grotte ein feierliches Dämmerlicht, und das Auge Achmeds musste
sich erst an die Dunkelheit gewöhnen, ehe er die sich darin befindlichen Gegenstände unterscheiden konnte. Auf
einem eisernen Tisch in der Mitte der Höhle sah er die erwähnte Zauberrüstung, daneben lehnte eine Lanze, und etwas
im Hintergrund stand unbeweglich ein kampfmäßig aufgezäumter Hengst, schön wie ein klassisches Standbild. Die
Rüstung, der Harnisch und das Zaumzeug glänzten hell, als habe sie ein eifriger Knappe erst vor Stunden wieder
einmal aufpoliert. Das Ross schien gera
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#5
Nicola 
Registriert: 08/06/2001 





Die geheimnisvolle Erbschaft



Ich erinnere mich noch sehr gut, als ich ein kleines Kind war und am flackernden Feuer gesessen habe, lauschten meine Schwestern und ich den Geschichten meiner Großmutter. Hier nun einige die mir besonders gut gefallen haben und an die ich mich immer wieder erinnere.



Einst lebte eine arme Familie, Vater, Mutter und ein kleiner Junge. Da der Vater nicht genug Geld verdiente um seine Familie ernähren zu können, beschloss er seine kleine strohgedeckte Hütte zu verlassen um in der Ferne Arbeit zu suchen. Nun aber, nach zwei Tagesmärschen, traf er auf der Straße zwei Schlangen die miteinander kämpften. Der Reisende, der sah, dass der Kampf erbittert war, versuchte sie zu beruhigen. Die große Schlange ging gerade daran ihren Gegner zu töten, als plötzlich, ein Knüppel auf die bösartige Schlange niederstürzte und ihr den Schädel zerschmetterte. Die Schlange, die beinahe getötet worden wäre, sprach zu ihrem Verteidiger: "Weil du mich in der Gefahr beschützt hast, werde ich dich belohnen. So wisse denn, dass ich der Sohn des Sultans von Djnoun bin. Du wirst mit mir kommen und vor meinen Vater treten, der dir anbieten wird, dass du aus all diesen Dingen wählen kannst, was du möchtest: Silber, Gold, Diamanten ... Aber du wirst einfach antworten: "Ich möchte nichts, als die Sachen der Alten." "Das habe ich wohl verstanden", antwortete der Mann und sie gingen los.

Sie kamen an einen, zwischen zwei großen Felsen gelegenen Ort, die Schlange zischelte und die Erde tat sich auf. Die zwei Gefährten traten ein und die knapp davongekommene Schlange erzählte ihrem Vater wie sie dank dieses Mannes dem Tode entronnen sei. Der Sultan der Djnoun sagte zu ihm: "Wähle als Belohnung was du möchtest und ich werde es dir geben." Aber der Reisende antwortete schlicht: "Ich nehme nichts, außer den Sachen der Alten." Nach einem Moment des Schweigens aber rief der Sultan aus: "Diese kann ich dir leider nicht geben!" Daraufhin sagte der Sohn zu seinem Vater: "Falls du nicht mit dem einverstanden bist, was er von dir verlangt hat, werde ich mit meinem Beschützer davonziehen." Durch diese Worte bezwungen, musste der Sultan dem Mann das Säckchen überlassen, der sich vom Sultan und seinem Sohn verabschiedete.

Nun aus der geheimnisvollen Höhle heraustretend öffnete der Mann geschwind das Säckchen das diesen kostbaren Schatz enthielt. Aber zu seinem Erstaunen fand er nichts außer einer Zuavenmütze, einer Flöte, einer leeren Brieftasche und einem Taschentuch. Als er diese wertlosen Dingen sah knirschte er mit den Zähnen, gekränkt, dass diese Diebe und Teufel ihn hereingelegt hatten. Deshalb warf er diese unnütze Belohnung in eine dunkle Ecke als er nach Hause zurückkehrte und das Leben der Familie nahm seinen gewöhnlichen Gang. Doch leider starb der Vater bald darauf und ließ seine Frau und seinen, inzwischen zu einem Mann herangewachsenen Sohn Ahmed zurück. Eines Tages, nachdem er gründlich nachgedacht hatte, sagte Ahmed zu seiner Mutter: "Hat mein Vater als er starb uns nichts hinterlassen, keinerlei Erbe?" Die Mutter hielt ihm entgegen: "Mein Sohn, leider hat uns dein Vater nichts hinterlassen außer diesem Säckchen ohne jegliche Bedeutung, den ich noch nicht einmal angefasst habe." Der Sohn beeilte sich das schmutzige Säckchen zu suchen. Er öffnete es und fand das Taschentuch, die Brieftasche, die Flöte und die Mütze. Als erstes nahm er die Brieftasche, doch er fand nichts darin, nervös warf er sie zu Boden. Plötzlich, Gold, Gold fiel aus der geheimnisvollen Börse. Und so kamen Ahmed und seine Mutter zu großem Reichtum. Eines Tages ging er mit seiner kostbaren Börse aus. Er ging durch die Straßen eines Dorfes und betrat ein leeres Café. Er sprach zu dem Wirt: "Warum kommen keine Kunden hierhin?" "Ich weiß nicht", sprach der Alte, "vielleicht ist es nicht komfortabel genug." Von Mitleid für diesen alten Mann ergriffen, gab Ahmed ihm unvorstellbare Mengen von Gold und kaufte ihm ein neues Haus. Der Alte sagte: "Nimm du das Café und lass mich nur bis zum Ende meiner Tage hier leben." Aber Ahmed antwortete: "Ich habe mit diesem Café nichts zu schaffen", und ging fort.



Indessen gab es in dem Dorf in dem er lebte die Tochter des Königs, sie war so schön, so schön, dass man allein um sie anzusehen 500 Dirhams bezahlen musste. Aber der junge Reiche begnügte sich mit weniger: unter dem Balkon des Palastes der Prinzessin hergehend, warf er ihr ein großes Goldstück zu. Und so machte er es alle Tage und brachte es so fertig, dass die Prinzessin jeden Tag diesen jungen Mann wiedersah, der, sobald er am Schloss vorbeiging, ihr ein Goldstück zuwarf. Neugierig geworden, nutzte die Prinzessin die Abwesenheit ihres Vaters und entsandte zwei ihrer Diener mit dem Auftrag den jungen Mann zu ihr zu bringen. Ahmed betrat lautlos das duftende Zimmer der Prinzessin.



Diese fragte ihn: "Aber woher hast all das Gold?"

Und Ahmed, ohne etwas zu verbergen enthüllte ihr das Geheimnis und zeigte ihr sogar wie er das Gold machte.

Die Prinzessin nahm die Brieftasche in ihre Hände, rief sofort die Wachen und ließ Ahmed wie einen Schurken herauswerfen, dabei beschuldigte sie ihn, es gewagt zu haben, zu versuchen ihrer Reinheit Schaden zu zufügen.



Und so kam es, dass einem jungen Mann von einer junger Frau übel mitgespielt wurde.



Als Ahmed also nun keinen Pfennig mehr besaß, ging er zu dem Wirt um sich Geld von ihm zu leihen, damit er mit vollen Taschen heimkehre und seine Mutter nicht ahne, was er getan hatte.



Als er zu Hause eintrat nahm er die Mütze setzte sie vor seiner Mutter auf und ward auf einmal unsichtbar. Seine Mutter auf das höchste verwirrt sagte zu ihm: "Wo bist du? Du sprichst zu mir und ich sehe dich nicht." Ahmed nahm die Haube wieder ab und erschien wieder vor seiner Mutter. Aber der Junge dachte sich sofort, dass er genau das gefunden habe was er brauche. Er nahm also die Richtung zum Schloss und unsichtbar drang er in das Zimmer der Prinzessin ein. Er hob zu sprechen an: "Die Schöne die nichts sah." Dann, plötzlich nahm er die Mütze ab und erschien ihr.

Sich zierend fragte sie ihn: "Oh, mein lieber Freund, was hast du getan um unsichtbar zu werden?"

Und zum zweiten mal erklärt er ihr naiverweise alles. Da die Prinzessin ihn nun auf ein neues für sich gewonnen hatte nahm sie ihm die magische Mütze ab. Sie rief wieder die Wachen und diese jagten ihn wie einen Hund auf die Straße, sich jedoch auf das höchste wundernd und ihn abschätzend, da dieser sie aber nicht weiter beachtete, drehten sie sich um.



Dieses mal jedoch, schwor sich Ahmed, sich auf die eine oder andere Weise zu rächen. Er kehrte nach Hause zurück und nahm die Flöte. Dann ging er, um sich auf einem kleinen Hügel gegenüber dem Schloss niederzulassen und begann wohllautend die Flöte zu spielen. Aber plötzlich, während er spielte, erhoben sich Tausende und aber Tausende von Soldaten aus der Erde.



Jedoch, als der Muezzin auf die Spitze der Moschee stieg um auszurufen: "Allah akhbar, Allah ist groß!", packte ihn die Angst und er verkündete instinktiv: "Allah ladjab! Oh Gott, das ist fürchterlich!" Als der König diese Worte vernahm, wollte er ihm den Kopf abschlagen. Aber der Scheikh hielt ihn auf und bat ihn in Gottes Namen ihm zu folgen. Nun, sobald der König die ganzen Soldaten sah zitterten sie alle vor Angst.



Aber die Prinzessin hatte ihn aus der Ferne gesehen wie er die Flöte spielte und Ahmed erkannt. Sie lief also schnell zu ihrem Vater und tröstete ihn mit den Worten: "Lass mich gehen. Ich kann all diese unzähligen Soldaten vernichten." In seiner Furcht willigte er ein seine Tochter diesen magischen Kampf ausfechten zu lassen. Die Prinzessin nahm die Mütze und durchquerte unsichtbar die Horde der Soldaten.



Sie näherte sich dem Flötisten und flehte ihn mit den Sätzen an: "Sieh, nur wegen dir, durch deine Schuld, bin ich auf immer von meinem Vater verstoßen worden, denn ich liebe dich." Als er diese Worte hörte war Ahmed sehr geschmeichelt und fortgerissen von der Liebe die ihm die Prinzessin einflößte, hörte er auf zu spielen und die Soldaten verschwanden bald langsam im Boden, so ward es vollbracht, dass nach kurzer Zeit keiner mehr übrigblieb; das bewaffnete Volk war verschwunden.

Und Ahmed in seiner Liebe, seiner Prinzessin mehr vertrauend als je zuvor, händigte ihr seine magische Flöte aus um sie zufriedenzustellen. Aber die Betrügerin ergriff, sich unsichtbar machend die Flucht, die Flöte in der Hand. Ahmed schäumend vor Wut, mit knirschenden Zähnen, stieß eine wahre Flut von Verwünschungen gegen sie aus.



Währenddessen aber nicht entmutigt ging er in seine strohgedeckte Hütte und suchte den einzigen Gegenstand der ihm noch geblieben war, sich in Acht nehmend ihn nicht herzuzeigen, denn dies war seine letzte Chance.



Er beschloss das Dorf zu verlassen, denn hier brachte ihm diese Prinzessin Unglück. So zog er denn ins Abenteuer ... Auf der Straße aber, fand er eine Quelle und ruhte sich an ihr aus. Er nahm sein Taschentuch und tauchte es ins Wasser um sein Gesicht zu erfrischen. Als er es nun auswrang, da das Leinen zu nass war, sprossen zu seiner großen Überraschung zwei Weinstöcke, die wunderschöne Trauben trugen, daraus hervor; die erste trug blaue, die zweite helle Weintrauben. Er nahm einen einzigen Kern einer blauen Traube, als plötzlich die Erde sich auftat ihn zu verschlingen, erst bis zum Knie, dann bis zum Bauch. Bald eingegraben bis zum Hals sah er voller Angst sein Ende gekommen. Instinktiv nahm er einen Kern einer hellen Traube, schluckte ihn und wurde jäh aus der Erde geschossen wie ein aufspringender Ball.



Ohne weiter zu warten hüllte sich der junge Mann in Lumpen und verkleidete sich als Schafhirte.

Er lenkte seine Schritte zum Schloss und rief unter den Mauern: "Frühe Weintrauben! Wer will reife Weintrauben?" Auf Grund seiner Werbung schickte die Prinzessin Diener um welche zu kaufen. Ahmed, der Verkäufer, gab ihnen blaue Trauben und versteckte die hellen. Sobald die Prinzessin sie erhielt, aß sie einige. Plötzlich wurde sie zwischen zwei Mauern eingeklemmt, und zwar dergestalt, dass ihre Rückseite sich auf der Straße befand. Der Schelm lief, um sich im Café zu verstecken. Dann sagte er zu jedem Knirps im Dorf: "Lauf und ruf in allen Straßen: Hoh! Hoh! Wer will die Prinzessin zum Zeitvertreib und gratis anschauen?"



Der König war in so arger Bedrängnis, dass er hinging und alle Scheikhs des Dorfes aufrief zu kommen um seine Tochter zu heilen und zu befreien. Natürlich waren all ihre Bemühungen vergebens.



Ahmed aber nun, nahm den alten Wirt beiseite und bat ihn: "Erweise mir einen großen Dienst: gehe sofort zum König und sage ihm, dass du einen heiligen Mann kennst, der seine Tochter befreien kann." Und überglücklich ließ der König den jungen Marabut kommen. Aber bevor Ahmed das Schloss betrat sagte er zum König: "Ich könnte ihre Tochter ganz heilen, aber ich stelle als erstes die Bedingung, dass jeder, ohne Ausnahme, das Schloss verlässt und als zweites, dass man mir ein Gewehr aushändigt. Absolut niemand darf ins Schloss eintreten vor den Schüssen."



Der König akzeptierte gezwungenermaßen alle Bedingungen des jungen Mannes und jedermann verließ den Palast. Ahmed trat also ein und fand die Prinzessin furchtbar leidend. Er sprach sie an: "Du kennst keine Scham, missbrauchst Vertrauen, du hast mich mehrmals betrogen!" Aber die Gefangene antwortete nicht. Dieses mal hatte Ahmed kein Mitleid mit ihr, deshalb nahm er einen Ast der an der Mauer hing, näherte sich der Betrügerin und begann sie brutal zu verprügeln.

Nachdem er die "Arbeit" ordentlich erledigt hatte, fragte er sie: "Wo hast du das, was du mir alles gestohlen hast versteckt?" Die Prinzessin hatte keine Kraft mehr und zeigte ihm den Ort und Ahmed nahm sein Hab und Gut wieder in Besitz.

Dann gab er der Prinzessin zwei Kerne von den hellen Trauben zu schlucken und wie durch Zauberei war sie befreit.

Ahmed feuerte zwei Schüsse aus dem Gewehr als Signal ab und alle kamen zum Schloss herbeigelaufen.



Der König ließ daraufhin ein großes Festmahl feiern, für das er die seltensten und kostbarsten Speisen zubereiten ließ. Als das Bankett beendet war und sich der König erhob konnte die Prinzessin nicht anders als ihrem Vater zu folgen und ihn anzuflehen, ihr seine Erlaubnis zu geben, den jungen Mann zu heiraten. Nach langem Zögern gab der Vater, gerührt von den unablässigen Bitten seiner Tochter, nach.



Und so kam es, dass Ahmed und die Prinzessin heirateten und ein großes Fest im königlichen Schloss feierten. Dann gingen sie auf Hochzeitsreise. Aber auf dem Weg stürzte sich ein großer Adler auf den jungen Mann und riss ihm das kostbare Säckchen mit den vier magischen Gegenständen darin, aus den Händen. Ahmed ganz und gar aus der Fassung gebracht folgte dem Adler lange Zeit und ließ seine arme Gattin bei einem Brunnen in der Nähe eines Marktes zurück.



Unterdessen, hatte Ahmed schnell die Richtung des Adlers verloren und musste in einem Dorf nahe dem in welchem sie war, arbeiten. In den Dörfern entbrannte nun ein Disput: der dortige König lag im Sterben und alle Männer der Umgebung wollten König werden.

Sie beratschlagten sich und entschieden: " Derjenige der sich als erster im Morgengrauen am Tor des Marktes einfindet, wird König sein."

Tatsächlich war es Ahmeds Frau die als erste am Markttor war. Sie hielten Wort und so kam es, dass die Prinzessin Königin wurde.

Und während dieser ganzen Zeit arbeitete Ahmed.

Eines Tages aber nun ließ der Adler den gestohlenen Sack im Garten fallen.

Der Herr wollte sich in den Besitz des Sacks bringen, da der Sack in seinen Garten gefallen sei, aber Ahmed führte an, dass der Sack ihm gehöre. Ein heftiger Streit entbrannte zwischen dem Herrn und dem Arbeiter.


Der Herr ließ Ahmed dem Gericht vorführen. Sie machten sich auf den Weg. Aber im königlichen Palast angekommen, präsentierten sie sich der Königin, die Ahmed, zu seiner großen Überraschung, als seine Gemahlin erkannte. Die Königin war gerecht und schickte den Herrn ohne den Sack zurück. Die beiden Eheleute aber versöhnten sich und seit dieser Zeit ist Ahmed König in dieser Stadt.
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#6
Nicola


Die Halbbrüder



Ein Mann nahm sich eine Frau. Mit ihr hatte er ein Kind. Aber nach einiger Zeit ging die Ehe nicht mehr gut. Er ließ sich scheiden und heiratete eine zweite Frau. Mit ihr hatte er ebenfalls einen Sohn.



Nun aber ähnelten sich die beiden Halbbrüder so sehr, dass niemand sie auseinander halten konnte. Und diese Kinder verbrachten ihre Zeit gemeinsam beim Schafe hüten. Eines Tages nun, wollte die zweite Ehefrau die beiden Jungen unterscheiden, da sie ihren Sohn bevorzugte und ihn besser ernähren wollte aber, sie konnte ihren Sohn nicht erkennen. Also ging sie zu einem alten Weisen um ihn zu fragen, wie sie ihren Sohn erkennen könne. Der alte Berater antwortete ihr: "Gehe in dem Augenblick zum Stall wenn die Tiere hereinkommen. Bringe den beiden Schäfern einen großen Teller Couscous dann, wenn sie gerade vollauf mit essen beschäftigt sind schreie: "Oh! Oh! Mein Sohn zu Hilfe! Sie glaubend machen, dass ein Tier dich gestoßen hätte. Dann, das ist ganz einfach, derjenige der gerannt kommt, um dir zu Hilfe zu eilen ist nicht dein Sohn."



Die Frau befolgte die Ratschläge des alten Weisen und konnte so erkennen welcher ihr Sohn war und sie kennzeichnete ihn in dem sie ihm besondere Kleidung anzog, so konnte sie ihn nicht nur erkennen, sondern ihm auch besseres Essen geben.



Und ab diesem Tage gab sie ihrem Sohn immer Weizenbrot und gewöhnliches Roggenbrot dem, der nicht ihr Sohn war.



Aber der Tag kam an dem die kleine Waise zu ihrem Halbbruder sagte: "Lass mich sehen, was du zu essen mit hast." Aber das Kind, von seiner Mutter instruiert, lehnte dieses kategorisch ab. Aber einmal wurde der Sohn der Rabenmutter doch getäuscht. Denn eines Tages sagte der kleine Waisenjunge zu seinem Halbbruder: "Komm, lass uns spielen: wer ein Stück von seinem Brot am weitesten in den See werfen kann."



Jeder der beiden warf ein Stück seines Brotes in den See, aber während das Brot des Sohnes auf den Grund sank, da es aus Weizen und somit schwer war, schwamm das leichtere Kleiebrot des kleinen Waisen auf der Oberfläche. Und während der Rest seines Brotes weitertrieb murmelte er: "Siehst du, ich bin wie dieses Brot, ich treibe aus dem Herzen deiner Mutter und darum gehe ich. Aber vorher gebe ich dir diesen Ast eines Granatapfelbaums. Erinnere dich, sobald er welkt, bin ich tot."



Und der Waise ging fort; bald darauf traf er einen Schafhirten der weinte. Er fragte: "Schäfer, was ist denn der Grund dieser Tränen?" "Ach Unglück!", antwortete der Schäfer, jeden Tag verschlingt ein Schakal eines meiner Mutterschafe." Und der Junge tötete den Schakal, der den armen Schäfer zum weinen gebracht hatte.



Auf seinem Wege nun, ging er immer von einem Schäfer zum anderen der von einem Raubtier geplagt wurde und für jeden tötete er ein wildes Tier.



Aber eines Tages kam er an einen Brunnen wo er ein junges Mädchen traf das weinte. Er fragte sie: "Warum weinst du?" Und das junge Mädchen antwortete: "Ach, bald werde ich tot sein." "Aber, werde würde es denn wagen dich zu töten?", entgegnete der Junge. "Oh weh! Oh weh! Es ist die Siebenköpfige Bestie die diesen Brunnen bewacht und dem Dorf nicht eher Wasser zugesteht, als dass sie einen großen Teller Couscous und eine Jungfrau bekommen hat. Nun ist aber heute die Reihe an meinem Vater dem Sultan die Bestie mit Futter zu versorgen. Da ich seine einzige Tochter bin, war es seine Pflicht mich hierher zu schicken und die Bestie wird mich verschlingen." 



Ergriffen blieb der Junge lange Zeit bei ihr, dann schlief er auf den Knien der Tochter des Sultans ein. Aber plötzlich kam die fürchterliche Bestie und das Mädchen begann verängstigt zu weinen. Nun ließ es eine Träne auf die Wange des Jungen fallen und dieser erwachte. Gleich griff er die Bestie an und mit einem einzigen Schlag hieb er ihr einen Kopf ab.



Die Bestie knurrte hämisch lachend: "Dieses ist nicht mein Kopf!" Und der Junge antwortete: "Aber dieses ist nicht mein Schlag!"



Schlag auf Schlag schlug er die sieben Köpfe der Bestie ab und das Monster seufzte erschöpft: "Dieses ist mein Kopf" und der Junge schrie triumphierend: "Dieses, das ist mein Schlag!"



Die glückliche Tochter des Sultans jedoch kehrte in den Palast zurück, indessen einen der Schuhe des mutigen Drachenbezwingers mit sich führend.



Bei der Rückkehr seiner Tochter geriet der erstaunte Sultan in rasende Wut: "Oh! Schande meiner Familie! Du wagst es zurückzukehren und das Dorf ohne Wasser und ohne etwas zu trinken zu lassen!" 

"Mein Vater, ich bin hier weil, die Siebenköpfige Bestie durch einen Jungen getötet wurde."

"Was sagst du, verrückte Tochter, ein ganzes Dorf konnte die Bestie nicht töten und ein Junge hat sie getötet!"



Währenddessen, aufgrund der ständigen Beteuerungen seiner Tochter wandte sich der Sultan zum Brunnen und fand sogleich die Bestie ausgestreckt in der Sonne und der Quelle entsprang ein Strom, ebenso geheimnisvoll wie ungewöhnlich.



Der Sultan suchte alle Leute des Dorfes auf und ließ sie alle den Schuh des Siegers anprobieren. Nun, jeder Bewohner probierte ihn, einer nach dem anderen aber, der Schuh passte niemandem. Ein Wächter sagte nun zum Sultan: "Es gibt noch eine Person: dieser junge Bettler in der Ecke."

Man ließ ihn vortreten. Er probierte den Schuh, der wie sich herausstellte perfekt passte. Man führte ihn also vor die Tochter des Königs und diese sagte: "Ja, das ist mein Retter, ich erkenne ihn wieder."



Und so kam es, dass der unglückliche Waisenknabe in den Palast kam. Und in der Tat, heiratete er die Tochter des Sultans. Und die Hochzeitsfeierlichkeiten dauerten sieben Tage und sieben Nächte. Und es wurde beschlossen, dass nach dem Tode des regierenden Sultans er der Thronnachfolger sein würde.



Nach kurzer Zeit vertraute der Sultan dem Bezwinger der Siebenköpfigen Bestie sieben Wölfe, ein Pferd und ein Gewehr an. Dann sagte er zu ihm: "Mein Sohn, du darfst in all meinen Wäldern jagen, außer in dem einen: dem-Wald-der-tötet, denn dort gibt es ein Untier, dass dich fressen würde."



Aber bevor er sich vor seiner Rabenmutter rettete, hatte er, wir erinnern uns, den Ast eines Granatapfelbaumes bei seinem Halbbruder mit den Worten: "Wenn der Ast welkt bin ich tot", gelassen. Darum, als sein Halbbruder nun den Ast welken sah, begab er sich auf die Suche nach der Leiche des Unglücklichen."



Nun aber, jedesmal, wenn er zu einem Schäfer kam hielt dieser ihn für seinen Halbbruder und gab ihm mit den Worten: "Hier nimm, den Kopf des Schakals als Belohnung für deine Dienste." Und jedesmal sagte er sich: "Oh, mein Gott, mein Gott, mein Bruder ist hier vorbeigekommen."

Und dann eines Tages kam er zum Palast des Sultans. Dieser nahm ihn bei den Schultern und sagte: "Aber wo warst du denn mein Sohn, ich suche dich seit so langer Zeit." Der zweite Halbbruder den Irrtum wohl verstehend, schwieg.



Der Sultan gab ihm sieben Wölfe, ein Pferd und ein Gewehr. Dann sagte er zu ihm: "Mein Sohn, du darfst in allen Wäldern jagen, außer in dem-Wald-der-tötet", und zeigte ihm diesen Wald in dem er nicht jagen durfte.



Natürlich aber ging er sofort auf die Jagd, vor allem diese Ratschläge gebend: "Ihr meine Wölfe haltet die Bestie auf Distanz, während du mein Pferd sie mit einem Tritt deines Hufes niederstreckst. Sodann, ihr Wölfe öffnet ihr den Bauch des Untiers mit euren scharfen Zähnen aber, ohne die Eigenweide zu berühren.



Und es kam im Wald-der-tötet der Tag, dass das Kind zur Bestie sagte: "Oh Monster, friss zuerst den Schakal, schau wie fett er ist." Aber kaum, dass die Bestie sich ihnen genähert hatte, als das Pferd schrecklich nach ihr ausschlug und sie mit einem Streich erschlug. Die Wölfe durchstießen ihr die Augen und öffneten vorsichtig den Bauch.



Mit größter Vorsicht zog der Junge seinen Halbbruder aus dem Magen des Scheusals und streckte ihn in der Sonne aus. Aber plötzlich kam eine kleine Eidechse. Und der Junge beschimpfte sie denn er hatte gerade ein ihr ähnliches Tier getötet.



Aber die kleine Eidechse entgegnete ihm: "Kümmere dich nicht um mich, denn wenn ich es war, die ihn getötet hat, bin ich diejenige die ihn wiedererweckt." Und in der Tat, die Eidechse nahm eine Pflanze des Waldes, presste sie unter die Nase ihres Bruders, der durch sie sofort wiederbelebt wurde.



Der Halbbruder schnitt also die gleiche Pflanze und presste sie gleichfalls unter die Nase seines Bruders. Der Letztere erhob sich sofort ganz gesund und heile. Die zwei Brüder gingen sehr glücklich zum Sultan und nach seinem Tode erbten sie gemeinsam das Königreich. Während dessen lebten ihre Eltern unglücklich und ohne eine Arbeit finden zu können.



Moral: Ich habe einen Schakal getroffen, er hat mich mit Krapfen geschlagen und ich habe sie gegessen; aber ich, ich habe ihn mit Knüppel geschlagen und habe ihn getötet.





Jetzt hätte ich aber auch noch drei Fragen: 

"Couscous mit Jungfrau" Was ist das denn für eine Zusammenstellung??? :-))

Wieso nimmt die Prinzessin "einen Schuh des mutigen Drachenbezwingers" mit??? Einen Schuh? Eine Haarlocke oder etwas ähnlich romantisches würde ich ja noch verstehen .... aber einen Schuh? Schuhfetischistin?
Und wieso hat welcher Schakal wen mit Krapfen beworfen???
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#7
chibo72

Gosso, der Märchenerzähler

Es war einmal ein Mann namens Gosso. Zwar lebte er allein, aber trotzdem fühlte er sich nicht

einsam. Denn Tag für Tag kamen die Kinder aus dem Dorf zu ihm, setzten sich unter die große

Kokospalme und ließen sich von ihm Märchen erzählen. Das konnt er so gut wie niemand anders

in der ganzen großen Welt.

Eines Tages kam eine Gazelle des Weges, kletterte auf die Palme und warf eine Kokosnuss

herunter. Sie fiel Gosso auf den Kopf und tötete ihn. Als die Gazelle sah, was sie angerichtet

hatte, lief sie schnell davon, damit sie niemand sähe. Die Kinder waren traurig, dass ihr Gosso

tot war. Sie weinten und beschlossen, seinen Tod zu rächen. Aber noch wussten sie nicht, wer

Gosso umgebracht hatte. “Das hat gewiss der Südwind getan. Er hat an den Zweigen gerüttelt

und die Kokosnuss heruntergeworfen”, meinten die Kinder und fingen den Südwind ein. Aber

der Südwind sagte: “Haltet ihr mich für einen so mächtigen Häuptling, dass ich euren Gosso

hätte erschlangen können? Weit mächtiger als ich ist das Haus dort drüben, das sich mir stets

in den Weg stellt.” Da liefen die Kinder zu dem Haus und begannen es zu schlagen. Aber das

Haus sagte: “Haltet ihr mich für einen so mächtigen Häuptling, dass ich euren Gosso hätte

erschlagen können? Weit mächtiger als ich ist die Ratte, die sich in meiner Mauer ein Loch

gegraben hat.”

Da fingen die Kinder die Ratte und wollten sie töten. Aber die Ratte wehrte sich und sagte:

“Haltet ihr mich für einen so mächtigen Häuptling, dass ich euren Gosso hätte erschlagen

können? Weit mächtiger als ich ist der Kater, der mich auffrisst, sobald er Lust hat.”

Nun liefen die Kinder zum Kater und begannen ihn zu schlagen. Aber der Kater miaute: “Haltet

ihr mich für einen so mächtigen Häuptling, dass ich euren Gosso hätte töten können? Weit

mächtiger als ich ist die Schmeißfliege, die mich fortwährend sticht!”

Also fingen die Kinder die Schmeißfliege, aber die summte: “Haltet ihr mich für einen so

mächtigen Häuptling, dass ich euren Gosso hätte erschlagen können? Weit mächtiger als ich ist

die Gazelle, die mich verschlingt als wäre ich eine Himbeere.”

Darauf fingen die Kinder die Gazelle, und die Gazelle sagte nichts. 

“Die Gazelle hat unseren Gosso getötet! Die Gazelle hat unseren Gosso getötet!” riefen die

Kinder. Und sie schlugen die Gazelle und hörten nicht auf, bis sie tot liegen blieb.

Gosso war tot. Die Gazelle, die ihn getötet hatte, ebenfalls.
Gossos Märchen aber leben weiter. Man erzählt sie bis zum heutigen Tag.
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#8
whatshername61

Die Prinzessin und die Schlange



Es war einmal ein König, der wünschte sich siebzehn Jahre lang vergeblich ein Kind. Nach siebzehn Jahren wurde seine Frau schwanger und gebar ein Mädchen. Dieses Mädchen wurde groß. Ihr Vater, der König, ließ sie alle Arbeiten lernen, ließ sie die Wissenschaft lernen, gab sie in die Schule. Er wollte sie Philosophin werden lassen. Aber dies, die Philosophie, machte sie schwermütig: sie wollte allein sein, nicht unter Menschen. Und als sie allein saß und stickte, hörte sie einst eine Stimme: »Jetzt in der Jugend oder im Alter«, sagte diese Stimme. Vor Schrecken hierüber stieß sie einen Schrei aus. Ihre Mutter kam herauf und fand sie ohnmächtig. Sie er weckte sie mit vieler Anstrengung aus ihrer Ohnmacht und sagte zu ihr: »Ich will nicht, dass du allein bleibst. Was ist dir zugestoßen?« - »Ich hörte eine Stimme: >Jetzt in der Jugend oder im Alter! Eine Stimme wie ein Schrei und schrecklich.« Sie nahm sie mit, und sie blieben zusammen; sie ließen sie nicht mehr allein. 



Es verging geraume Zeit. Da ging sie doch wieder hinauf, saß allein und stickte. Während sie stickte, hörte sie wieder dieselbe Stimme. Sogleich rief sie die Mutter. Es kam auch der Vater nach oben, der König. Er fragte sie: »Was hast du, meine Tochter?« - »Ich habe wieder dieselbe Stimme gehört«, sagte sie zu ihrem Vater. »Hole die Philosophen, meine Lehrer her, damit ich ihnen sage, was mir fehlt. Es ist keine Einbildung, es ist Tatsache; ich sehe es mit meinen Augen. Ich will es erzählen, damit wir sehen, was mein Leiden ist, daß wir es herausfinden.« Die Lehrer kamen, und sie erzählte es. Die Lehrer sagten: »Wenn du jene Stimme hörst, so sage - >Jetzt in der Jugend, wo ich noch die Kraft dazu habe «, und gingen weg. 



Sie stieg zu der Kammer hinauf und stickte an dem Rahmen. Als sie jene Stimme hörte, sagte sie: »Jetzt, als junge Frau, wo ich noch die Kraft dazu habe!« In dem Augenblick, wo sie dies sagte, kam ein Adler, nahm sie mit seinen Fängen und flog davon. Alle standen und sahen, wie die Königstochter zum Himmel flog; sie war ihnen verloren. Die Mutter schloss den Palast, alles wurde in Schwarz gehüllt; die ganze Stadt trug Trauer. Selbst die Reittiere färbte der König schwarz. 



Das Mädchen trug der Adler und warf sie in eine Wüste. Er gab ihr ein Tischtuch, ein Paar Holzschuhe und sagte zu ihr: »Breite das Tischtuch aus und verlange, welche Speise du willst, dass es sie dir gebe zum Essen und Wasser zum Trinken.« Der Adler flog davon und ließ sie allein. Sie sah nur den Himmel und die Erde. Sie weinte und schlug sich Tag und Nacht. Eine Prinzessin, und muss solche Qual in der Wüste erdulden! - Acht Jahre wanderte sie in der Wüste umher. 



Nach acht Jahren sah sie eines Nachts ein Licht, sehr weit ab. Sie wanderte Tag und Nacht und näherte sich jenem Licht: es war ein Stall; sie kam zu Leuten, in ein anderes Land, nicht in der Nähe ihres eigenen. Es war ein Hirt, er hatte eines Königs Stall. Er hatte eine Frau und eine Tochter. jene bat den Hirten, dort bleiben zu dürfen. Sagte der Hirt: »Was soll ich mit dir machen? Ich bin arm, ich kann dich nicht ernähren.« Da sagte jene zu ihm: »Ich will nicht, daß du mich ernährst, ich habe zu leben; ich will kein Essen von dir.« Da sagte der Hirt: »Bleib!« Sie blieb mit der Frau des Hirten im Stall. Sie ging immer hinter den Stall, breitete das Tischtuch aus und aß. Der Hirt, seine Frau, seine Tochter wussten nicht, wie sie lebte, wo sie doch nicht mit ihnen aß; denn der Hirt ernährte sie nicht. 



Die Tochter des Hirten brachte jeden Tag die Lieferungen für den König. Da erkrankte sie, und der Hirt meinte: »Wer soll die Lieferungen bringen?« jene sagte zu ihm: »Weine nicht, lass mich sie bringen!« Sagt der Hirt: »Weißt du sie hinzubringen?« Sprach Jene: »Ich weiß es nicht, aber weiß es nicht das Eselchen? Wo das Eselchen hingeht, da werde ich es abgeben, die Milch, die Käse und den Quark.« Sie nahm das Eselchen, das ging und blieb an der Tür der ältesten Tochter des Königs stehen. Man kam heraus, um die Waren abzunehmen. Sie fragten: »Hat der Hirt noch eine zweite Tochter?« Sie antwortete: »Er hat noch mich; ich war in der Schule, meine Schwester erkrankte, da habe ich die Sachen gebracht. « Die Prinzessin stand auf, um sie abzunehmen und die Gefäße zu leeren. jene ging an den Stickrahmen und stickte. Die Prinzessin sah sie und sagte zu ihr: »Verdirb es mir nicht!« Sie antwortete: »Sei getrost, ich verderbe es nicht.« Als die Prinzessin ihre Stickerei sah, war sie ganz närrisch vor Erstaunen und sagte zu der vermeintlichen Hirtentochter: »Du verstehst so etwas zu sticken? Deine Schwester wird gesund werden und in einem Monat wiederkommen; dann sollst du für mich sticken, und ich werde dir Geld dafür zahlen. « Sie schenkte ihr vielerlei, auch Geld. jene brachte es dem Hirten. Der Hirt freute sich und war erstaunt, wie sie das zustande gebracht hatte. 



Am andern Morgen nahm sie die zweite Lieferung und brachte sie zu der jüngsten Tochter des Königs. Das Eselchen blieb vor der Tür stehen, und sie kamen heraus und nahmen die Sachen hinein. Sie sagten zur ihr: »Hat der Hirt noch eine zweite Tochter?« Sie antwortete ihnen: »Er hat noch mich und hatte mich bisher in der Schule.« Sie gingen, die Gefäße zu leeren. Die Prinzessin, die mit der Maschine nähte, stand auf. Da setzte sich jene hin und nähte an der Maschine der Prinzessin, und sie machte es besser als die Prinzessin. Sagte die Prinzessin: »Verdirb es mir nicht! « In diesem Augenblick vollendete sie das Kleid und sagte: »Ich verderbe es nicht.« Als die Prinzessin es sah, erstaunte sie: so gut hatte jene es gemacht, und sie sagte zu ihr: »Lass deine Schwester gesund werden, dann will ich dich zum Nähen nehmen. Es wäre schade, wenn ein so begabtes Mädchen im Stalle säße.« Sie antwortete: »Sehr gut, ich werde es meinem Vater sagen.« 



Am andern Morgen war die Lieferung des Königs an der Reihe. Sie belud das Eselchen, nahm es und ließ es vorangehen; es ging und blieb vor der Tür des Königs stehen. Die Leute vom Schloss waren noch in der Kirche geblieben. Nur ein junges Dienstmädchen war da. Der Sohn des Königs war allein. Das Dienstmädchen sagte zu ihm: »Sag ihr, daß sie die Sachen ins Zimmer bringe.« Die war aber über die Maßen schön: sie leuchtete, wie die Sonne leuchtet. Als sie in das Zimmer gegangen war, verschloss der Sohn des Königs die Tür und hielt sie im Zimmer fest. Jene schaute sich im Zimmer um; sie sah zuerst nichts. Da sah sie Flinten und Degen; sie zog einen Degen, der an der Wand hing, und schlug dem Königssohn den Kopf ab. Sie warf ihn auf die Erde, nahm das Eselein, ging zu dem Hirten zurück und sagte zu ihm: »Da hast du das halbe Tischtuch, lege es nieder, so wird es Speisen geben zum Essen. « Sagte der Hirt: »Warum?« Sie antwortete: »Ich habe dem Sohn des Königs den Kopf abgeschlagen.« Sagte der Hirt: »Warum hast du das getan?« Sie antwortete: »Weil er mir die Ehre nehmen wollte. War sein Kopf besser als meine Ehre? Deshalb nahm ich seinen Kopf.« 



Das Dienstmädchen ging und sagte es dem König. Der König kam und sah seinen Sohn getötet. Er nahm das ganze Heer und ging zu dem Hirten, und sie fesselten den Hirten und jene zugleich. Der König sagte zu ihr: »Warum hast du meinen Sohn getötet?« - »Warum ich ihn getötet habe? Weil er mir die Ehre nehmen wollte.« Sagt der Hirt: »Sie ist nicht meine Tochter. Vor anderthalb Jahren kam sie in meinen Stall. Ich gebe ihr weder zu essen noch zu trinken. Wie sie lebt, weiß ich nicht. Meine Tochter erkrankte, deshalb kam jene. Ich weiß nicht wer sie ist.« Sagt der König: »Sollen wir sie töten? So wird sie bald erlöst sein, so wird sie nicht gemartert. Sollen wir sie erwürgen? Wieder dasselbe. Sollen wir sie lebendig in den See werfen? Sollen wir sie in dem Grabe zusammen mit meinem Sohn einmauern?« Sie mauerten sie lebendig mit dem Toten im Grabe ein. 



Nach drei Tagen kam eine Schlange, um die Augen des Toten zu fressen. Die Schlange ging wieder weg, nur ihre Jungen blieben zurück. jene zieht ihre Holzschuhe aus und tötet die jungen Schlangen, indem sie sagte: »Habe ich mich vor der Schlange gefürchtet, soll ich mich darum auch vor den jungen fürchten? Ich habe sie getötet.« Die Schlange kam, nahm ein Kraut und rieb die jungen, machte sie lebendig und ging mit ihnen davon. jene sammelte die Kräuter, die die Schlange hatte fallenlassen, brachte sie an den Kopf des Toten nahe dem Hals, rieb ihn mit jenem Kraut und machte ihn lebendig. Dann sagte sie zu ihm: »Wir wollen wie Geschwister leben.« Sie breitete das Tischtuch aus, und sie aßen, tranken und sangen. Sie lebten wie Geschwister 



Ein Jahr verging, da veranstaltete der König eine Seelenmesse; und die Leute kamen von den Dörfern und gingen vorbei, um das Grab zu sehen, da hörten sie drinnen singen. Sie gingen zum König und sagten: »Erweist du seiner Seele oder seinem Leben den Liebesdienst?« Sagte der König zu ihnen: »Hört, Bauern, seid ihr gekommen, mich zu verspotten? Nehmt eure Köpfe in acht, die ich herunterwerfen werde!« - »Nein, o König, dein Sohn ist am Leben und hat die Frau drinnen, und sie singen. Wir gingen, sein Grab anzusehen, und hörten sie; er hat die Frau drinnen, und sie singen.« Als er von der Frau hörte, glaubte er es. Der König nahm Leute, und sie gingen und öffneten das Grab. Da sagte jene zum Königssohn: »Mich werden sie im Grabe lassen und wieder einmauern.« Antwortet der Königssohn: »Du wirst zuerst hinausgehen und ich danach. <~ Die Leute kamen und öffneten das Grab; und der Königssohn sagte: ,Werft keinen Stein herab, dass ihr mich nicht trefft! Ich bin am Leben.« Sagt der König: »Die wollen wir nicht herauslassen, sondern wieder im Grabe einmauern.« Sagt der Königssohn: »Die wird zuerst hinausgehen und dann ich: mein Leben und mein Tod ist sie.« Sie kamen heraus; alle Leute aber wunderten sich, ihn, den Getöteten, nach einem Jahr noch am Leben zu sehen. 



Er ging mit ihr zum Schloss und verlobte sich mit ihr. Aber sie sagte zu ihm: »Hüte dich, auch nur mit dem Finger in üblem Sinne auf mich hinzuweisen!« Der wagte nicht ein einziges Mal, sie zu fragen, woher sie sei. Als sie ins Schloss gegangen war und dort blieb, sah sie viele Leute, die aus ihrer Heimat kamen. Einst sagte sie zu ihrem Verlobten: »Nimm einen kleinen Wagen, wir wollen ein Stück spazieren fahren, weil ich viel gelitten habe.« Er antwortete: »Nehmen wir einen!« Er nahm den Wagen zur Ausfahrt und fragte seine älteste Schwester: »Was willst du, dass ich dir vom Basar mitbringe?« Sie sagte: »Einige Pferdeäpfel bringe mir mit dem Eselchen, das die Milch trägt.« Er antwortete: »Zu Befehl.« Dasselbe fragte er seine jüngste Schwester: »Was soll ich dir mitbringen? Ich gehe einkaufen.« Sie antwortete: »Einige Pferdeäpfel.« Und er sagte wieder: »Zu Befehl. « Er fragte ihre Schwiegermutter: »Was soll ich dir mitbringen?« Sie antwortete: »Bringe mir das Taschentuch für die Verlobung.« Er sagte: »Zu Befehl.« Dann sagte er zu dem Schwiegervater: »Was soll ich dir mitbringen? Ich will einkaufen. « Der Schwiegervater antwortete: »Bringe mir den Verlobungsring.« Er antwortete: »Zu Befehl.« 



Sie schickte den Kutscher weg und stieg mit ihrem Bräutigam in den Wagen und nahm den Weg nach ihrer Heimat. Ihr Bräutigam war sehr in Angst, weil er nicht wusste, wohin sie ihn führe. jenen Tag fuhr auch ihre Mutter aus und ihr Vater, der König, in der gläsernen Kutsche und fuhren spazieren. Sie waren aufs Feld gekommen. jene fuhr gerade auf die Kutsche los. Ihr Bräutigam schrie: »Du wirst mit der königlichen Kutsche zusammenstoßen, und sie werden uns vernichten. « jene sprach gar nichts; mit ihrer eigenen Kutsche zerbrach sie die ihrer Mutter mit den Glasscheiben. Ihr Bräutigam war außer sich, als er sah, dass sie den Wagen zerbrach, er fürchtete sich sehr; er wusste ja nicht, dass sie deren Tochter sei. Da rief die Mutter: »Meine Tochter! Wo warst du?« Die Tochter antwortete: »Ich war in der Wüste.« - »Wenn es regnete, wo hieltest du dich da auf?« »Unterm Felsen.« Da war er noch mehr außer sich, als er sah, dass sie eine so hohe Prinzessin sei, und sagte: »Es gehörte sich, dass du mir den Kopf nahmst, du warst ganz im Recht, da du eine solche Prinzessin warst; es gehörte sich, dass du so mit mir verfuhrst. Ich bitte dich um Verzeihung.« 


Dann gingen sie zu dem König, dem Vater des Bräutigams, und brachten die Geschenke: dem König Krone und Ring, der Schwiegermutter ein Taschentuch mit Gold gestickt und ein Diadem mit Brillanten und mit kostbaren Steinen; den Schwägerinnen brachte sie Blumen und Armbänder aus Brillanten. Sie tat auch die Pferdeäpfel zugleich in den Korb. Dann holten sie die Schwäger und Schwägerinnen und feierten die Hochzeit.
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#9
> Girl: do you love me although I am blind? And there are many other beautiful girls better than me, or you are just having a mercy toward me?
> Man: no I really love you, and all I wish from you in my life is to be my wife 
> Girl: if you make me see again I promise to accept you and I will spend the rest of my life with you, but who can dare to give his eyes to me and will stay in darkness
> _ One day he comes delightfully announcing, I found the donator/contributor who can gives you his eyes, and then you will be able to see again, and you will carry out your promise to marry me, he said. 
> _ As soon as she got a new eyes, and while he was standing beside her and holding her hands (maybe in a hospital) she opened her eyes, saw him and screamed, are you blind too?!! She said. 
> Then she started to wipe,
> Man: don’t worry my love; you will be my eyes now and my guide, so when we can get married ?
> Girl: do I must marry a blind person? I will not, and as you know I can see now
> Man: he cried and said, ok please forgive me, who I am to marry me!, but before you leave me, I want you to promise me, to take care of my eyes I gave you. 

In der Geschichte geht es darum, dass er eine blinde Frau liebt und ihr als Zeichen seiner Liebe seine Augen schenkt. Sie nimmt ihn aber dann nicht mehr zum Mann, weil er nun blind ist.
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#10
is` noch wiiiiiiinter. hier was für´s kaminfeuer und lange abende:



Geschichte des versteinerten Prinzen

»Wisse, o Herr! mein Vater war König dieser Stadt, sein Name war Sultan Mahmud, er regierte ungefähr 70 Jahre lang über die Inseln dieser Berge. Als er starb, regierte ich an seiner Stelle und heiratete meine Muhme, die mich so sehr liebte, dass, wenn ich nur einen Tag von ihr abwesend war, sie weder aß und trank, bis ich wieder bei ihr war; sie lebte auf diese Weise fünf Jahre mit mir. Eines Tags ging sie ins Bad, ordnete ein Nachtessen an, dann kam ich in dieses Schloss und schlief hier, an dem Orte, wo du jetzt dich befindest; ich ließ zwei Sklavinnen zu mir kommen, mich zu beräuchern. Eine saß mir zu Häupten und die andere zu Füßen. Es war mir nicht recht wohl, ich konnte nicht schlafen, obschon meine Augen geschlossen waren, ich atmete schwer. Da hörte ich, wie die eine Sklavin zur anderen sagte: »O Masuda! sieh unseren armen Herrn! Schade für seine Jugend, die er mit unserer verfluchten Herrin zubringen muss.« »Schweige!« sagte die andere, »Gott verdamme die Verräterinnen und Buhlerinnen. Es passt wirklich ein junger Mann, wie unser König, nicht zu dieser Metze, die keine Nacht zu Hause schläft« Aber unser Herr ist sehr dumm«, versetzte die erstere wieder, »er sollte es doch merken, wenn er nachts erwacht und sie nicht neben sich findet.« »Weh dir«, sagte die zweite, »Gott verdamme die Metze, unsere Gebieterin, die gibt ihm einen Schlaftrank, dass er wie ein Toter schläft, dann geht sie aus, bleibt bis Morgens weg, wo sie erst ihren Mann aufweckt mit Räucherwerk, das sie ihm vor seine Nase hält. Schade um ihn!« »Als ich«, sagte der Jüngling, »dies Gespräch der beiden Sklavinnen hörte, ward ich sehr aufgebracht, Wie nun meine Frau aus dem Bade kam, konnte ich die Nacht nicht erwarten, wir ließen den Tisch bereiten, aßen ein wenig, gingen dann zu Bett, sie reichte mir wieder einen Schlaftrank, ich tat, als wenn ich tränke, goss ihn aber aus, dann stellte ich mich, als wenn ich schliefe und streckte mich auf dem Lager aus. Da sprach sie: »Schlafe! o möchtest du nie mehr erwachen! Bei Gott, deine Gestalt ist mir zum Ekel, ich bin deiner satt.« Sie stand dann auf, kleidete sich an, beräucherte sich, umgürtete mein Schwert, öffnete die Türe und ging hinaus; ich stand auf und folgte ihr durch die ganze Stadt nach bis ans Tor, ohne dass sie mich bemerkte, sie sagte am Tor etwas, das ich nicht verstand, die Riegel fielen und das Tor öffnete sich von selbst, sie ging zum Tor hinaus, ich folgte ihr, bis sie zwischen einigen Schutthaufen an eine kleine Hütte aus Ziegelsteinen kam, ich stellte mich auf das Dach der Hütte und belauschte sie, und siehe da, meine Frau stand vor einem alten schwarzen Sklaven, der auf einem Bündel Rohr saß, ganz in Lumpen gekleidet. Sie küsste die Erde vor ihm. Der Sklave hob seinen Kopf zu ihr auf und sagte: »Wehe dir, wo bleibst du so lange? Soeben waren unsere schwarzen Vettern da, und haben sich jeder mit seinem Liebchen vergnügt, und haben getrunken, ich wollte nichts trinken, weil du abwesend warst.« Da sagte meine Frau: »O mein Herz! Geliebter meines Herzens! weißt du nicht, dass ich mit meinem Vetter verheiratet bin? dass ich die Welt hasse, weil ich ihn sehen muss; wenn ich nichts für dich fürchtete, so ließe ich die Sonne nicht aufgehen, ehe ich seine Stadt verwüstet hätte, dass Nachteulen und Raben darin herumschrieen und Füchse und Wölfe darin wohnten; ich würde ihre Steine hinter den Berg Kaf werfen, « »Du lügst«, sagte der Schwarze, »du Verdammte! Ich schwöre dir bei der Ehre der Schwarzen, dass wir von dieser Nacht an nicht mehr mit unseren Vettern zusammenkommen, ich werde gar nicht mehr dein Freund sein und dich nicht mehr berühren. Du Verdammte spielst nur so mit uns; sind wir denn nur für deine Lust da, du Übelriechende!« Als ich hörte, wie er mit ihr umging, ward die Welt ganz schwarz vor mir, ich wusste nicht mehr, wo ich war. Meine Frau fing an zu weinen und sagte zu dem Schwarzen: »O Geliebter meines Herzens! was bleibt mir, wenn du mir zürnst? wer nimmt mich auf, wenn du mich verjagst? O mein Geliebter! mein Herz! mein Augenlicht!« Sie hörte nicht auf, vor ihm zu weinen und zu flehen, bis er wieder gut war; da freute sie sich, legte einige Kleider ab und sagte: »Mein Herr! hast du nichts zu essen für deine Sklavin?« Er antwortete: »Decke dieses Becken auf!« Sie deckte es auf und fand darin ein Stück von einer Maus; dieses aß sie, dann sagte er ihr: »In diesem Topf ist noch Bier, trinke es!« Sie trank, wusch ihre Hand, setzte sich dann zu ihm auf das Bündel Rohr mitten unter den Lumpen. Ich stieg vom Dache herunter, nahm das Schwert, mit dem meine Frau gekommen, und schwang es, um beide zu töten; ich schlug zuerst den Schwarzen auf den Hals und glaubte schon mit ihm fertig zu sein, aber ich durchschlug nur die Haut, das Fleisch und die Kehle, es waren jedoch die Halsadern nicht durchschnitten. Ich glaubte indessen doch, ihn getötet zu haben, er schrie laut auf und meine Frau fiel seitwärts so, dass sie hinter mir war; ich legte dann das Schwert nieder an seine Stelle, kehrte zur Stadt zurück, ging ins Schloss, begab mich in mein Bett und blieb bis zum Morgen liegen. Als meine Frau zurückkam, sah ich, dass sie ihre Haare abgeschnitten und Trauerkleider angezogen hatte; sie sagte mir: »O mein Vetter, wirst du dich wohl dem, was ich tue widersetzen wollen? Wisse, ich habe Nachricht erhalten, dass meine Mutter gestorben ist, dass mein Vater im heiligen Kriege umgekommen, dass einer meiner Brüder durch einen Schlangenbiss und ein anderer durch einen Sturz das Leben verloren; ich muss daher weinen und trauern.« Als ich dies hörte, ließ ich sie gehen und sagte ihr: »Tu was du willst, ich werde dich nicht hindern.« Sie verharrte nun ein volles Jahr in Weinen und Trauern.« Nach einem Jahr sprach sie zu mir: »Ich möchte, dass du mir im Hause eine Grabstätte mit einem Zimmer bauen ließest, damit ich darin allein trauern könnte, ich würde es das Trauergebäude nennen.« Ich sagte ihr wieder: »Tu, was dir gut dünkt!« Jetzt erteilte sie sogleich Befehl, ließ sich das 'Trauerhaus bauen, und in dessen Mitte eine Kuppel errichten. Den Sklaven aber brachte sie in die Grabeshöhle. Diesem war nicht mehr zu helfen. Er lebte zwar, denn seine Zeit war nicht abgelaufen, auch konnte er noch trinken, aber vom Tage an, wo ich ihn verwundet hatte, nicht mehr sprechen. Meine Frau besuchte ihn nun morgens und abends, und weinte und brachte ihm Wein und Fleischsuppen. So verging ein ganzes Jahr, in welchem ich alles dieses mit Geduld ertrug. Nach diesem Jahre ging ich ihr einmal nach, ohne dass sie es merkte: ich hörte, wie sie weinte und sagte: »O mein Geliebter! o mein Herz! Warum muss ich das von deiner Liebe erfahren? warum sieht dich mein Auge nicht immer und warum in einem solchen Zustand? warum sprichst du nicht mit mir, o sage mir doch etwas!« dann fügte sie noch folgende Verse hinzu:

»Ein Tag der Wunscherfüllung ist der, an welchem ich eure Nähe gewonnen, ein Tag des Unheils der, an welchem ihr euch von mir trennt. Wenn ich in der größten Angst und Furcht übernachte, so ist mir eure Nähe doch süßer als die gewisseste Sicherheit.«

»Lebte ich im schönsten Wohlbehagen und besäße ich die ganze Welt, das Reich der Chosroen, so würde ich es doch nicht so hoch als den Flügel einer Mücke anschlagen, wenn mein Auge dich nicht sähe.«

Als sie dies vollendet hatte, sagte ich zu ihr: »Muhme, höre doch einmal auf zu trauern! Du hast genug vergebens geweint.« Sie antwortete mir: »Widersetze dich meinem Willen nicht, sonst bringe ich mich um.« Ich schwieg und überließ sie ihrem Zustand; sie aber fuhr wieder ein Jahr fort zu trauern und zu weinen. Nach dem dritten Jahr, an einem Tage, wo ich gerade eines unangenehmen Ereignisses willen im Zorne war, ging ich ihr wieder nach, denn nun dauerte mir diese Qual doch zu lange; ich fand sie bei der Grabeshöhle unter der Kuppel und hörte, wie sie sagte: »Werde ich denn, o mein Herr, kein einziges Wort mehr von dir vernehmen? nun gibst du mir schon drei Jahre keine Antwort.« Dann vernahm ich folgende Verse von ihr:

»O Grab! o Grab! haben seine Reize aufgehört zu sein? ist seine blühende Gestalt von dir gewichen? O Grab, du bist ja doch kein Himmel und kein Lustgarten, wie kann Sonne und Mond sich in dir vereinigen?«

Mein Zorn nahm überhand, als ich dies hörte, und ich rief: »Wehe! wie lange wird noch dieser Schmerz dauern.« Dann aber sprach ich folgende Verse:

»O Grab! o Grab! haben seine Unvollkommenheiten noch nicht aufgehört? hat sein abscheulicher Blick sich von dir gewandt? O Grab! du bist ja doch kein Teich und kein Topf, wie kann Schmutz und Ruß sich in dir vereinigen?«

Als sie meine Verse hörte, stand sie auf und sagte: »Wehe dir! du Hund! du hast mir dies getan, du hast den Geliebten meines Herzens verwundet und hast mich um seine Jugend durch seinen Tod gebracht. Nun ist er schon drei Jahre weder tot noch lebendig.« Ich antwortete: »O du abscheulichste, du schmutzigste Dirne unter allen, die Schwarze lieben! Freilich habe ich dies getan.« Jetzt entblößte ich mein Schwert und ging auf sie zu, um sie umzubringen; als sie dies sah, rief sie lachend: »Ziehe dich zurück, wie ein Hund! was vorüber ist, kehrt nicht mehr wieder, bis die Toten wieder belebt werden. Gott hat mir Macht gegeben über den, der mir etwas getan, worüber in meinem Herzen ein unauslöschliches Feuer entbrannte.« Sie stellte sich dann aufrecht auf die Füße, sprach etwas, das ich nicht verstand und rief: »Werde durch meine Kraft und meinen Zauber halb Stein und halb Mensch!« Ich ward nun sogleich, wie du mich jetzt siehst, o Herr! Betrübt und niedergeschlagen, kann ich weder stehen, noch sitzen, noch schlafen, ich bin nicht tot bei den Toten und lebe nicht mit den Lebendigen.

»Als ich so war, wie du mich jetzt siehst«, erzählte der verzauberte Mann ferner, »erhob sich meine Frau und verzauberte die Stadt mit allen Gärten und Marktplätzen, und dies ist der Ort, wo jetzt deine Zelte mit den Truppen sind. Die Bewohner der Stadt waren Muselmänner, Christen, Juden und Feueranbeter. Sie verzauberte nun die Muselmänner in weiße Fische, die Feueranbeter in rote, die Christen in blaue und die Juden in gelbe, ebenso verwandelte sie die Inseln in vier Berge, die sie mit einem See umgab. Aber dies genügte ihr noch nicht. Nun kommt sie noch jeden Tag, entkleidet mich, gibt mir hundert Streiche, bis mein Blut fließt und meine Schultern wund sind; dann umkleidet sie meinen Oberleib mit einem härenen Stoffe und hüllt darüber dieses Ehrenkleid.« Der junge Mann weinte hierauf und sprach folgende Verse:

»Ich trage standhaft deinen Beschluss und dein Urteil, o Gott! Ich habe Geduld, wenn du an diesem Zustande Wohlgefallen hast; man hat mir Unrecht und Gewalt angetan, doch wird vielleicht das Paradies mir meinen Verlust ersetzen. Gewiss, mein Herr, entgeht deinem Auge kein Übeltäter, ich bete daher zu dir, schütze mich gegen das Unrecht meiner Quäler.«

Der Sultan sprach zu dem verzauberten Manne: »Du hast zwar meine Wissbegierde gestillt, doch meinen Kummer nur noch vermehrt: wo, junger Mann, ist sie und wo ist der Sklave?«

»Mein Herr«, antwortete hierauf der junge Mann, »der Sklave liegt in der Grabstätte unter der Kuppel, und sie ist in dem Saale, dieser Tür gegenüber; sie besucht den Sklaven täglich bei Sonnenaufgang, und wenn sie dann zurückkommt, gibt sie mir die hundert Prügel; ich schreie und weine, kann mich aber nicht bewegen, um sie zu bändigen, ich habe keine Kraft, mich zu verteidigen, weil die eine Hälfte meines Körpers aus Stein und nur die andere Hälfte aus Fleisch und Blut ist. Nach meiner Züchtigung geht sie dann wieder zum Sklaven, gibt ihm Wein und Fleischbrühe zu trinken, und am Morgen früh kehrt sie erst wieder zurück. Da sprach der König: »Bei Gott! junger Mann, ich werde hier etwas tun, was lange nach mir allenthalben erzählt werden wird.« Er setzte sich hierauf nieder und unterhielt sich mit dem jungen Manne bis zur Nacht. Sie schliefen dann bis an den Morgen, da machte sich der König auf, legte einen Teil seiner Kleider ab, zog sein Schwert aus der Scheide und ging zur Grabstätte. Hier erblickte er viele Wachskerzen und Lampen, Weihrauch, wohlriechende Öle und andere Aromen: er schritt auf den Sklaven zu, tötete ihn und warf ihn in einen Brunnen, der im Schlosse war. Dann zog er des Sklaven Kleider

an, legte sich tief in die Grabeshöhle, behielt aber immer sein bloßes Schwert unter den Kleidern. Nach einer Weile kam die verruchte Zauberin, und das erste, was sie tat, war, ihren Vetter zu entkleiden und ihn tüchtig durchzuprügeln. Ihr Vetter schrie: »O wehe, Muhme, habe Mitleid mit mir, ich habe genug gelitten, der Zustand, in dem ich mich befinde, genüge dir!« Sie aber antwortete: »Hast du wohl mit meinem Geliebten Mitleid gehabt?«

Als die Zauberin ihren Vetter geschlagen, bis sie müde war und das Blut von seinen Seiten herabfloss, kleidete sie ihn in ein härenes Kleid, legte ein linnenes darüber und ging dann zum Sklaven. Sie nahm, wie gewöhnlich, Wein und Fleischbrühe mit, und als sie unter die Kuppel trat, fing sie an zu weinen und zu schreien: »O Geliebter, es war doch sonst deine Gewohnheit nicht, mir deine Nähe zu versagen; o stoße mich nicht länger zurück! besuche mich wieder, denn dein Besuch gibt mir Leben. O nahe dich mir! die Trennung ist doch nicht in deiner Gewohnheit: bleibe nicht fern von mir, denn unsere Feinde frohlocken über uns! O mein Herr, sprich mit mir!« Sie fügte diesen Klagen noch folgende Verse hinzu:

»Wie lange noch diese Zurückhaltung? diese Pein? habe ich noch nicht genug Tränen vergossen?«

»O mein Geliebter! sprich doch mit mir! sage mir doch etwas! o meine Seele, antworte mir doch!« Da sprach der König mit schwerer Zunge und tiefer Stimme, so wie die Schwarzen reden: »Ach! ach! ach! es gibt keinen Schutz und keine Macht, außer bei dem erhabenen Gott.« Als sie ihn sprechen hörte, freute sie sich so sehr, dass sie in Ohnmacht fiel; als sie wieder zu sich gekommen, sprach sie: »O mein Herr! hast du wirklich mit mir gesprochen? ist es wahr, dass du mich angeredet?« Da erwiderte der König: »Du Verfluchte! verdienst du wohl, dass jemand dich anrede?« Sie fragte: »Warum, dies?« und er antwortete: »Du quälst deinen Gemahl den ganzen Tag, er schreit immer um Hilfe, so dass ich gar nicht schlafen kann, er weint und klagt von abends bis morgens und flucht dir und mir. Nun ist mir dies schon längst zum Überdruss und höchst lästig; und wäre dies nicht, ich wäre längst wieder genesen; das ist die Ursache, warum ich dir so lange nicht geantwortet und nichts mit dir gesprochen habe.« Sie antwortete hierauf: »Mit deiner Erlaubnis, mein Herr, will ich ihn befreien;« und da er zu ihr sagte: »So befreie ihn denn, dass wir einmal Ruhe vor ihm bekommen«, so ging sie hinaus, nahm eine Schüssel voll Wasser, sprach etwas darüber, bis es zu kochen und aufzuwallen anfing, wie ein Topf am Feuer; sie bespritzte hierauf ihren Gemahl damit und sprach: »Bei der Wahrheit dessen, was ich eben gesehen und gesprochen, hat dich Gott so geschaffen oder aus Zorn dir diese Gestalt gegeben, so verändere dich nicht, bist du aber durch meine Zauberkunst so geworden, so nimm durch die Kraft des Schöpfers der Welt deine frühere Gestalt wieder an!«

Sogleich erhob sich der junge Mann ganz aufrecht, freute sich seiner Befreiung und dass er lebte, und rief: »Gott sei gelobt!« Die Frau aber sagte ihm: »Geh von mir hinweg und komme nie wieder hierher: sobald ich dich wieder sehe, töte ich dich.« Als er weggegangen war, kehrte sie zur Kuppel zurück, trat in die Grabeshöhle hinunter und sagte: »O mein Herr, komme doch heraus, damit ich deine schöne Gestalt wiedersehe.« Der König antwortete wieder in einer Sprache, die der eines Schwarzen glich: »Wohl hast du jetzt mir vor einem Zweige Ruhe verschafft, nun aber schaffe mir auch Ruhe vor dem Stamme!« Sie antwortete: »O mein Herr! was ist denn der Stamm?« »Wehe dir!« versetzte er, »du Verruchte, es sind die Bewohner der Stadt der vier Inseln! denn jede Nacht um Mitternacht strecken die Fische ihre Köpfe in die Höhe, schreien um Hilfe und fluchen mir; darum kann ich nicht gesund werden. Gehe also schnell hin und befreie sie, kehre dann wieder zurück; gib mir die Hand und hilf mir aufstehen, denn schon sehr nahe bin ich wieder der Genesung.« Als sie dies hörte, freute sie sich mit der guten Botschaft und sprach: »Recht gern, mein Herr! im Namen Gottes, mein Herz!« Sie machte sich dann auf, ging zum See und nahm ein wenig Wasser daraus und sprach einiges über das Wasser, da fingen die Fische an zu tanzen, ihr Zauber löste sich und die Stadtbewohner standen wieder da, kauften und verkauften, gaben und nahmen. Sie kehrte jetzt wieder zur Kuppel und sprach: »O mein Herr! gib mir deine edle Hand und steh auf!« Da sagte der König mit tiefer Stimme: »Komm näher!« Sie trat näher zu ihm hin. »Komm noch näher!« rief er wieder. Als sie nun hierauf ganz nahe zu ihm hinging, bis sie ihn berührte, sprang der König auf, spaltete sie mit dem Schwerte in zwei Teile und warf sie so geteilt auf den Boden, dann ging er hinaus und fand den entzauberten Mann, der ihn erwartete und den er zu seiner Rettung beglückwünschte. Der junge Mann küsste die Hand des Sultans, dankte ihm und wünschte ihm viel Gutes. Der König fragte ihn: »Willst du in deiner Stadt bleiben oder willst du mit mir in meine Stadt kommen?« Da erwiderte der junge Mann: »O Herr der Zeit und Meister deines Jahrhunderts, weißt du wohl, wie weit von meiner Stadt zu der deinigen ist?« »Eine halbe Tagesreise«, antwortete der König. Aber der junge Mann sagte ihm: »Erwache doch! man braucht ein volles Jahr von deiner Stadt zur meinigen; nur als du hierher kamst, war die Stadt verzaubert und der Weg dahin so nahe. Jetzt kann ich dich keinen Augenblick verlassen.« Da sagte der König: »Gelobt sei Gott, der dich mir beschert, du sollst nun mein Sohn werden, da ich noch in meinem Leben mit keinem Sohne beschenkt worden bin.« Sie umarmten sich, küssten sich, dankten einander und freuten sich. Als sie miteinander ins Schloss kamen, sagte der entzauberte König den Großen und Ausgezeichneten seines Reichs, dass er nun eine Reise machen wolle; er packte dann ein, was er für die Reise brauchte. Die Fürsten und Kaufleute der Stadt brachten ihm alles, was er bedurfte, und er machte zehn Tage lang seine Vorbereitungen zur Reise. Dann reiste er ab mit dem Sultan, dessen Herz sich nach` seiner Residenz sehnte, von der er so lange abwesend war. Er nahm fünfzig Sklaven mit und hundert Ladungen an Geschenken, Vorräten und Gütern. Die Sklaven mussten sie auf der Reise bedienen, die sie ein ganzes Jahr lang, Tag und Nacht, fortsetzten.

Gott hatte ihnen eine glückliche Reise bestimmt. Sie langten in der Stadt an und ließen sogleich dem Vezier sagen, dass der Sultan glücklich angekommen sei. Der Vezier, alle Truppen und die größte Zahl der Einwohner zogen höchst erfreut dem Sultan entgegen, denn schon hatten sie alle Hoffnung verloren, ihn jemals wiederzufinden. Sie schmückten die Häuser der Stadt und breiteten seidene Teppiche auf den Boden aus. Nachdem die Truppen alle vorübermarschiert waren, blieb der Vezier beim Sultan, es verbeugten sich aber alle vor dem Sultan und brachten ihm ihre Glückwünsche dar. Der König setzte sich auf den Thron und sagte seinem Vezier alles, was dem jungen Manne widerfahren, er erzählte ihm auch, was er selbst dessen Muhme getan, und wie er dadurch jenen und die ganze Stadt befreit habe, weshalb er ein ganzes Jahr abwesend geblieben. Der Vezier wandte sich hierauf zum jungen Manne und wünschte ihm Glück zu seiner Rettung. Der König bestätigte dann die Verweser und Adjutanten, einen jeden in seinem Range, verteilte Ehrenkleider und machte viele Geschenke; er schickte auch nach dem Fischer, der die Ursache der Befreiung des jungen Mannes und der Einwohner gewesen war. Als jener erschien, beschenkte er ihn und fragte ihn, ob er Kinder habe. Nachdem dieser geantwortet, er habe einen Sohn und zwei Töchter, musste er sie gleich holen, der König heiratete die eine und der junge Mann die andere. Hierauf machte der König den Fischer zu seinem Schatzmeister. Dem Vezier verlieh er eine Ehrenkette und schickte ihn als Sultan in die Stadt der schwarzen Inseln, nachdem er ihn hatte schwören lassen, dass er ihn besuchen wolle. Die fünfzig Sklaven, die er mitgebracht hatte, gab er ihm mit und viel Volk, und die übrigen Großen und Statthalter wurden reichlich beschenkt. Der Vezier verabschiedete sich dann, küsste dem König die Hand und reiste ab; der Sultan und der junge Mann blieben in der Stadt, und der Fischer ward einer der reichsten Leute jener Zeit und seine Töchter waren alle mit Königen verheiratet.
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#11
whatshername61 

Im Kreis gedacht

von whn61



Es war einmal ein Königreich, das baute Waffen, Transportmittel und Kommunikationsanlagen. Damit führte es früher sehr viele Kriege gegen andere Völker. Irgendwann in grauer Vergangenheit, verlor es den einen entscheidenden Krieg. Die Sieger zerteilten diese Land in verschiedene Teile und bewachten die Menschen, weil sie diese für unbelehrbar und aggressiv hielten. Aber bald erkannten die Bewacher, dass das Völkchen sehr fleißig war und die Spuren der Kriege schnell beseitigte. Sie schlossen mit den zerteilten neuen Völkern einen neuen Pakt und bekämpften sich fortan gegenseitig und produzierten fleißig Waffen, Transportmittel und Kommunikationsanlagen, die sie dann wiederum für gutes Geld in die verschiedenen Länder brachten und nannten es "Aufbauhilfe". 



Ein kleines Teilstück der neuen Völker wollte anders sein. Es baute eine große Mauer um sein Land herum und ließ nur einige wenige Menschen hinein oder hinaus. Die meisten Menschen in diesem Land waren mit ihrem bescheidenen Dasein glücklich und richteten sich ihr Leben danach ein. Die Mauer störte sie schon, aber sie sahen den Sinn darin, beschützt zu sein vor der grausamen Welt um sie herum. Sie wehrten sich nicht und lebten ein zufriedenes, glückliches Leben. Natürlich bauten auch sie Waffen, Transportmittel und Kommunikationsanlagen, die sie in Länder schickten, die gegen die Länder kämpften, die von den anderen neuen Völkchen ihre Waffen, Transportmittel und Kommunikationsanlagen bekamen. 

Eines Tages begann eine kleine Gruppe, sich zu wehren. Sie wollten die Mauer nicht mehr. Sie gingen auf die Straße und protestierten gegen ihren König und sein Gefolge. Der König war alt und seine Berater wollten nicht schon wieder einen Krieg. Die Berater berieten untereinander, miteinander, gegeneinander. Sie berieten sich mit der Armee und den Betrieben und Parteien. Sie berieten und berieten und dann unterlief einem Berater ein Fehler. Er versprach im offiziellen Fernsehen, so etwas gab es inzwischen in diesem Land, die Mauer zu öffnen und vergaß einen Zeitplan zu erstellen. Er war schon alt, der Fehler war klein und solche Fehler können passieren. In diesem Falle war der Fehler fatal. Einer seiner Ritter, die die Grenze bewachten, verstand das Versprechen falsch und ließ die Menschen durch die Mauer hindurch. 

Tausende, Zehntausende, ja Hunderttausende gingen, liefen, fuhren durch die Mauer. Einige schlugen sich zur Erinnerung kleine Stücken aus der Mauer. Alle wollten die andere Seite der Mauer sehen. Sie erwarteten dort das gelobte Land, das allen Wohlstand und Glück versprach. Sie liefen durch die Straßen, besuchten Freunde und Verwandte. Einige begannen sich ein neues Leben auf der anderen Seite der Mauer aufzubauen. 

All die Unkenrufe, dass dort der Teufel sein Geschäft mache, das kleine Land innerhalb der Mauer ausbluten würde, die Menschen keine Chancen hätten, verhallten jahrelang nicht. 

Heute leben die Menschen vor und hinter der Mauer, die jetzt nur noch in einigen vertrockneten Köpfen existiert, gemeinsam. Sie streiten sich, arbeiten gemeinsam, gründen Familien und…

…bauen wieder viele gefährliche Waffen, Transportmittel und Kommunikationsanlagen. Diese schicken sie nun wieder gemeinsam mit ihren ehemaligen Bewachern in andere Länder und nennen es wieder "Aufbauhilfe" und das Land außerhalb der eigenen Grenzen verteidigen. Wieder verdient das nun wiedervereinte kleine Land gut mit dem Tod und dem Diebstahl von Bodenschätzen. Dieses Mal hat es das jetzt größere und stärkere Land schlauer angestellt. Es nutzt seine eigenen Kommunikationsanlagen dafür, seinem Volk zu erklären, wer der neue Feind ist, dass dieser bösartig und aggressiv ist. 

Die Menschen in dem Land leben gut und sicher. Sie schicken ihre Ritter in weit entfernte ferne Länder und zeigen in ihren Kommunikationsanlagen, wie ihre Ritter „Aufbauhilfe“ leisten, wie wichtig diese „Aufbauleistungen“ sind, in den unterentwickelten Ländern und dass die Menschen dort ohne die Hilfe der Ritter in Unfreiheit leben würden. Die Menschen dort werden nicht gefragt, ob sie unsere Waffen, Transportmittel und Kommunikationsanlagen wollen. 

Und den Menschen dort, die gern das Land sehen wollen, das diese modernen Waffen, Transportmittel und Kommunikationsanlagen baut und natürlich werden dort auch andere schöne Dinge hergestellt, die das Leben angenehm machen, wird eingeredet, dass sie besser in ihrem eigenen Land bleiben sollten, weil sie dort beschützt sind vor der grausamen Welt um sie herum. Aber auch sie sind glücklich und richten sich ihr Leben ein mit einem bescheidenen Dasein. 

Aber dem Traum von der anderen Seite der Grenze, eine Mauer haben sie sich nicht gebaut, das haben die Waffen-, Kommunikations- und Transportmittelbauer für sie gemacht, kann ihnen keiner nehmen.

Sie werden, wie einst das Völkchen, das seine eigene Mauer eingerissen hat, die Grenzen überwinden und sie werden, genau wie das kleine Völkchen, sich mit den anderen Völkern vereinen.

Sie wollen keine Kriege, sie wollen ihre Heimat aufbauen, von anderen Völkern lernen, diesen ihr Wissen und ihre Erfahrungen zeigen und diesen beweisen, dass sie nicht aggressiv und gefährlich sind. Leider werden bis dahin ihre Landsleute in Kriegen kämpfen müssen, die sie nicht wollen und gefährliche Wege gehen müssen, die sie nicht kennen. Einige von ihnen werden es schaffen, andere werden unverrichteter Dinge wieder heimkehren, viele werden auf diesem Weg sterben und wieder andere werden falsche Dinge tun, weil die Völker, die sie in diese Kriege und Abhängigkeit zwingen, ihnen keine Chancen geben, ihre Liebe und ihr Können zu zeigen. Es werden traurige Schicksale glückliche überschatten. Aber diejenigen, die es geschafft haben, werden den Gedanken der Liebe und Freundschaft in die Herzen der Menschen der Völker, die ihre Feinde sein sollen, pflanzen und dafür sorgen, dass immer mehr Menschen verstehen, dass ihre Waffen, Transport- und Kommunikationsmittel niemand braucht. Sie werden verstehen helfen, dass sie, wie alle Menschen auf der Welt, nur ein glückliches, zufriedenes Leben führen wollen und die Ursache ihrer Träume und Sehnsüchte in den Ländern, die die Waffen, Transport- und Kommunikationsmittel bauen, selbst liegen.



Und wenn sie nicht gestorben sind, dann sterben sie noch heute…
(DtH-Europa)
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#12
Rassismus ist ein Thema das so aktuell wie nie ist. Viele Menschen sind davon überzeugt, nicht rassistisch zu denken. Sie meinen aufgrund ihrer Informationen rational und realistisch zu handeln. Betrachtet man eine Sache von zwei Seiten, ist man unverhofft erstaunt, wie sehr man sich manipulieren lässt.

Aber wir sind im Märchen-Thread. Darum erzähle ich euch zwei uralte Geschichten.

Geschichte 1

Der Hase und die Schildkröte

Es war einmal... ein Hase, der rühmte sich, schneller zu laufen als jedes andere Tier. Tagtäglich machte er sich über die langsame Schildkröte lustig. Schließlich hatte diese die Nase voll und fauchte:"Für wen hältst du dich? Zugegeben, du bist schnell, aber auch du wirst deinen Meister finden."
"Ich?" lachte der Hase. "In einem Rennen? Ich bin so schnell, mich schlägt keiner! Da mache ich jede Wette. Willst du es versuchen?"
In ihrer Wut nahm die Schildkröte die Herausforderung an. Sie legten die Strecken fest, und am nächsten Morgen fanden sich beide am Start ein. Der Hase gähnte verschlafen, während die Schildkröte, die sich keinerlei Hoffnungen machte, sofort auf ihren kurzen Beinen davon zuckelte. Da dem Hasen fast die Augen zufielen, beschloss er, erst einmal ein Schläfchen zu machen. Seiner Gegnerin war er ohnehin haushoch überlegen. "Lauf ruhig zu", rief er. "Ich schlafe noch ein wenig, ich überhole dich mit drei, vier Sprüngen wieder." Er schlief schlecht und fuhr nach einer Weile erschrocken hoch. Er spähnte nach der Schildkröte, aber diese hatte noch nicht einmal ein Drittel der Strecke zurückgelegt. Der Hase war beruhigt. Da er in einen nahen Feld wunderschönen Kohlentdeckt hatte, sagte er sich: "Es reicht auch noch zum Frühstücken."
Weil er sich den Bauch zu voll geschlagen hatte und die Sonne jetzt schon kräftig wärmte, fühlte er sich nach seinen Mahl wieder Matt und Müde. Er schielte träge nach der Schildkröte, die inzwischen in der Hälfte der Strecke angelangt war, und beschloss, sich noch einmal aufs Ohr zu legen. Das Ziel würde er immer noch vor ihr erreichen. Er stellte sich das lange Gesicht der Schildkröte vor, wenn er an ihr vorbeiflitzen würde, und schnarchte bald glücklich und zufrieden. Die Sonne stand schon tief, und die Schildkröte, die seit dem Morgen unbeirrt dem Ziel zu gewackelt war, hatte nur noch einen guten Meter zurückzulegen, als der Hase mit einem Satz aufwachte, sah, wie weit weg die Gegnerin schon war, und pfeilschnell ihre Verfolgung aufnahm. Seine langen Beine flogen durch die Luft. Gleich würde er sie eingeholt haben. Mit hängender Zunge setzte zum Endspurt an, aber es reichte nicht mehr. Die Schildkröte wackelte, knapp bevor er wieder den Boden berührte, über den Strich, den sie am Ziel gezogen hatten. Erschöpft und gedemütigt sank der Hase neben ihr ins Gras. Sie betrachtete ihn schweigend und schmunzelte nach einer Weile:"Wer langsam geht, geht weit."


[Bild: jhvj,hb.jpg] 

to be continued...
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#13

Geschichte 2


Vom Hasen und dem Igel

An einem Sonntagmorgen, gerade als die Sonne goldig am Himmel aufgegangen war und die Lerchen in der Luft sangen, war auch der Igel vergnügt und munter und stand vor seiner Tür. Mit beiden Armen übereinandergeschlagen guckte er in den Morgenwind hinaus und trällerte ein Liedchen vor sich hin. Plötzlich fiel im ein, er könne doch mal ein bisschen im Feld spazieren gehen und sich umsehen, wie seine Steckrüben wohl stünden. Also machte der Igel die Haustüre hinter sich zu und schlug den Weg zu den Feldern ein.
Noch nicht weit vom Hause entfernt, begegnete ihm auf einmal der Hase, welcher ähnliches Vorhaben hatte. Als der Igel den Hasen sah, bot er ihm einen freundlichen Guten Morgen, doch der Hase vornehm wie er war erwiderte den Gruß nicht sondern sagte nur: "Wie kommt es denn, dass du schon in so früher Morgenstunde im Felde herumläufst?" "Ich gehe spazieren", sagte der Igel. "Spazieren?" lachte der Hase, "Ich habe den Anschein, du könntest deine Beine auch wohl zu besseren Dingen gebrauchen." Diese Antwort verärgerte den Igel über alle Maße. "Du bildest dir wohl ein, dass du mit deinen Beinen mehr ausrichten kannst?" sagte der Igel. "Das denke ich", sagte der Hase. "Nun es käme auf einen Versuch an", meinte der Igel.
"Ich wette, wenn wir wettlaufen, so laufe ich dir davon." "Das ist zum Lachen, du mit deinen schiefen Beinen!" sagte der Hase, "aber meinetwegen, wenn du so übergroße Lust hast. Um was wetten wir?" "Einen goldenen Taler und eine Flasche Schnaps", sagte der Igel. "Angenommen", sprach der Hase, "schlag ein und dann kann es gleich losgehen." "Nein so große Eile hat es nicht", meinte der Igel, "ich bin noch ganz nüchtern, erst will ich nach Hause gehen und ein bisschen frühstücken. In einer halben Stunde bin ich auf dem Platze." Der Hase willigte ein und daraufhin ging der Igel. Unterwegs dachte sich der Igel: "Der Hase verlässt sich auf seine langen Beine, aber ich werde ihn schon kriegen. Er denkt ein vornehmer Herr zu sein, ist aber doch ein dummer Kerl und dafür wird der bezahlen."
Als der Igel zu Hause ankam, sagte er zu seiner Frau: "Zieh dich eilig an, du musst mit mir ins Feld hinaus!" "Was gibt es denn?" fragte seine Frau. "Ich habe mit dem Hasen um einen goldenen Taler und eine Flasche Schnaps gewettet. Ich will mit ihm um die Wette laufen und du sollst mit dabei sein." "Oh mein Gott!" schrie dem Igel seine Frau. "Hast du den Verstand verloren. Wie kannst du mit dem Hasen um die Wette laufen wollen?" "Sei leise, das ist meine Sache und misch dich nicht in Männergeschäfte ein", sagte der Igel. "Marsch, zieh dich an und dann komm mit!"
Daraufhin folgte die Igel-Frau ihrem Mann, ob sie nun mochte oder nicht. Als sie beide nun miteinander unterwegs waren, sprach der Igel zu seiner Frau: "Nun pass, auf was ich dir sagen werde! Dort auf dem langen Acker wollen wir unseren Wettlauf machen. Der Hase läuft nämlich in der eine Furche und ich in der anderen und von oben fangen wir an zu laufen. Du hast nun weiter nichts zu tun, als dich hier unten in die Furche zu setzen und wenn der Hase auf der anderen Seite ankommt, so rufst du ihm entgegen: "Ich bin schon da!" Als sie beim Acker angelangt waren, wies der Igel seiner Frau ihren Platz zu und ging den Acker hinauf. Als er oben ankam, war der Hase schon da. "Kann es losgehen?" fragte der Hase. "Jawohl", erwiderte der Igel.
Dann stellte sich jeder in seine Furche und der Hase zählte: "Eins, zwei, drei!" und los lief der Hase wie ein Sturmwind den Acker hinunter. Der Igel aber lief ungefähr nur drei Schritte, dann duckte er sich in die Furche nieder und blieb ruhig sitzen. Als der Hase endlich im vollen Laufe unten ankam, rief die Igel-Frau nur zu: "Ich bin schon da!" Der Hase stutzte und wunderte nicht wenig, als ihm die Igel-Dame zurief, die für den Hasen vom Igel-Mann nicht zu unterscheiden war. "Das geht nicht mit rechten Dingen zu, es wird noch einmal gelaufen", rief der Hase und fort rannte er wieder wie ein Sturmwind, sodass ihm die Ohren am Kopf flogen. Dem Igel seine Frau aber blieb ruhig auf ihrem Platz sitzen.
Als der Hase wieder oben ankam, rief ihm der Igel entgegen: "Ich bin schon da!" Der Hase aber, ganz außer sich vor Eifer, schrie: "Es wird noch mal gelaufen!" "Mir recht, meinetwegen so oft, wie du Lust hast", antwortete der Igel. So lief der Hase dreiundsiebzigmal und der Igel hielt es immer wieder mit ihm aus. Jedes Mal, wenn der Hase unten oder oben ankam, sagte der Igel oder seine Frau: "Ich bin schon da!" Beim vierundsiebzigsten Male aber schaffte der Hase nicht mehr das Ende. Mitten auf dem Acker stürzte er zu Boden, während im Blut aus dem Hals floss und er tot auf dem Platze liegen blieb. Der Igel aber nahm seinen gewonnenen Taler und die Flasche Branntwein, rief seine Frau aus der Furche und beide gingen vergnügt nach Hause.

[Bild: hase_igel_120703_215230.jpg] 

Ist schon klar, Hasen sind dumm, überheblich, selbstherrlich, ignorant, eitel, verächtlich, prahlerisch anmaßend, eingebildet, großkotzig, hochnäsig, selbstgefällig, affektiert, aufschneiderisch, herablassend, arrogant. Alles in Allem, er hat seine Strafe verdient...

...to be continued...


Quellen: 1. Geschichte Äsop
2. Geschichte Gebrüder Grimm
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#14
Solange der Jäger die Geschichte erzählt, ist der Löwe der Gejagte
afrikanisches Sprichwort

Habt ihr gesehen, wer die Geschichten erzählt hat? Habt ihr einmal nach der Version des Hasen gefragt? Ist euch jemals in den Sinn gekommen, dass Schildkröte und Igel diese Geschichten in die Welt gesetzt haben, um den Hasen so darzustellen, dass alle Welt meint, er hätte die Strafe verdient?
Schaut, wer euch diese Geschichten erzählt hat. 
Schaut euch die richtigen Kanäle an. Fragt, diejenigen, die es persönlich betrifft. Hört euch ihre Geschichten an. Vielleicht ist dann der Hase sogar ein unschuldiges Tier, dass für seine Rechte und seinen Stolz eintritt. Jedes mal muss er sich distanzieren und erklären, wenn andere Tiere Dummheiten machen. Irgendwann mag er vielleicht einfach nicht mehr gegen die Lügen der anderen kämpfen.

Vielleicht sind Schildkröte und Igel der Wolf im Schafspelz? [Bild: laugh.gif]



Wenn man heutzutage etwas über Freundschaft oder Liebe zwischen Hase und Igel oder Hase und Schildkröte herausfinden möchte, trifft man immer wieder auf die Vorurteile gegenüber dem Hasen. Es ist nicht einfach, sich daraus zu befreien. Wenn man aber ernsthaft sucht findet man eine neue, schönere, realistischere Wahrheit.

[Bild: haseigel.jpg]

Kein Weg ist länger, als der Weg vom Kopf zum Herzen. 
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#15
whatshername61

Der Regulator

von whn61



In eben jenem Königreich trug es sich zu, dass der König sich um seine Untertanen sorgte. Sie arbeiteten hart, wohnten weit voneinander entfernt, ständig kamen neue Untertanen aus anderen Königreichen in sein Land und die Sozialkontakte wurden immer schwieriger. Der König holte seine besten Berater und sie überlegten sieben Tage und sieben Nächte wie sie es erreichen konnten, die Untertanen einander näher zu bringen. Sie begannen mit einem Brainstorming und sammelten viele Ideen. Von einer sehr bizarren Idee handelt dieses Märchen. Ja, es ist ein Märchen. In der Realität gibt es so etwas natürlich nicht. Reale Menschen würden sich nie so verhalten. Trotzdem möchte ich heute von dem sich um seine Untertanen sorgenden König berichten, als wäre ich ihm persönlich begegnet.



Einer seiner Berater war ein Technikingenieur. Er war sehr klug, wusste von den neuesten Erfindungen und hatte dem König schon überaus oft bei der Verbesserung der Bedingungen in seinem Land geholfen. Dieses Mal berichtete der Ingenieur von einer Erfindung jenseits der Grenzen, die ähnlich wie ein Telefaxgerät funktionierte nur ohne Papier. Der König war sehr interessiert. Ein Telefaxgerät hatte er seit einiger Zeit in seinem Büro zustehen. Es war ein lustiges Ding. Er tippte seine Nachrichten und Befehle ein und fast zeitgleich konnten seine Stadthalter in allen Teilen des Landes lesen, was zu tun sei.

"Dieses Gerät ist weitaus komplexer", erklärte der Ingenieur. "Jeder Eurer Untertanen bekommt ein kleines Gerät nicht größer als ein Band der Lexikothek Eurer Gnaden und kann mit allen anderen Untertanen kommunizieren. Man kann sich unterhalten, Bilder und Filme schicken, Geschichten und Nachrichten in eine künstliche Welt voller Wunder übertragen. Jeder, der so ein Buch besitzt, bekommt eine Adresse, wie die eures Schlosses und einen Nicknamen und kann sich in der Kunstwelt bewegen. Es ist ein Spiel mit realen Menschen." "Was soll mir das bringen?", interessierte sich der König. "Nun, wir können ein Haus einrichten, in dem sich Eure Untertanen treffen und unterhalten, ihre Sorgen, Interessen oder Anliegen vortragen können. Sie können diskutieren, Spaß haben und mit der Zeit werden sie ihre Scheu verlieren und einander näher kommen."



An dieser Stelle muss man sagen, dass der König ein sehr freundlicher Mann war. Er sah die Einsamkeit und die Entfernung, die einige seiner Untertanen zu ihren Familien hatten. Er hatte längst erkannt, dass durch die vielen neuen Untertanen aus anderen Königreichen Probleme entstanden und dachte sich: "Das ist ein hervorragenden Gedanke. Wenn sie sich erst einmal kennen, werden sie sich leichter akzeptieren und das Leben wird attraktiver und vielseitiger. Sie werden den Wunsch hegen, einander in der Realität zu begegnen und das Sozialleben wird abwechslungsreicher. 

Die Sache wurde schnell beschlossen. Für die Finanzierung fand man einen reichen, technisch interessierten, stillen Sponsor. (Unter vorgehaltener Hand kann ich euch verraten, dass es ein guter Freund des Königs war.) Eine Gruppe von Ingenieuren, Technikern und Werbestrategen begann mit der Entwicklung des Hauses. Die Arbeit ging schnell voran, weil sie selbst alle neugierig waren und wissen wollten, wie die Idee funktionierte. Eines Tages war es soweit. Das Haus wurde eröffnet. Die Untertanen des Königs begannen es zu nutzen und auch die Fremden kamen in das Haus. Die Gemeinschaft wuchs fast täglich, bis der König, der anfangs oft unter einem anderen Namen anwesend war, bemerkte, dass sich das Leben in seinem künstlichen Haus nicht anders verhielt, als in der realen Welt. Es war sogar viel schlimmer, als er dachte. Einige der Fremden, die sich als Gäste in seinem Haus aufhielten, würden gemein, bösartig und beschmutzten die Ehre seines Landes. Das wollte er so nicht hinnehmen und wieder mussten seine Berater zusammenkommen. Dieses Mal war es nur eine kurze Zusammenkunft. Sein Innenminister riet ihm, Regulatoren einzusetzen, die über die Gesetze des Hauses wachen sollten. Der König dachte sich, dass sein Minister die meisten Erfahrungen in der Entscharfung von Spannungen hat und vertraute auf ihn. 



Man begann im Haus nach Untertanen und Fremden zu suchen, die diese Aufgabe übernehmen konnten. Der König und seine Minister überlegten lange und intensiv, wer dazu in der Lage war. Man entschied sich für ein gemischtes Team aus eigenen Untertanen und solchen, die aus anderen Königreichen kamen. Es sollten Mitglieder der Gemeinschaft sein, auf die man sich verlassen konnte. Schließlich war es eine hohe Verantwortung. Sie durften nicht intolerant sein, mussten andere Meinungen akzeptieren können. Der König wollte, dass die Kultur des Landes geachtet wurde. Aber er wollte auch nicht, dass die Gemeinschaft sich überwacht oder in ihrer Meinungsfreiheit eingeschränkt fühlte. 

Die Arbeit der Regulatoren begann. Scheinbar wurde es ruhiger. Was der König nicht beachtet hatte, war, dass einige Regularoren mit der neuen Macht nicht umgehen konnten. Was der König ferner nicht beachtet hatte, war, dass er eigentlich keine Zeit für dieses Haus hatte. Er musst regieren, Entscheidungen treffen, mit anderen Königreichen verhandeln, die Wirtschaft ankurbeln, richterliche Entscheidungen treffen. Letzteres war das Schwierigste für ihn. Es gab Kriminelle die seine Untertanen schädigten: Bankräuber, Mörder, Pädophile, Diebe, Banditen, Erpresser, Fälscher... die ganze Bandbreite von Gesetzesbrechen, wie in jedem anderen Land auch. Dabei gab es nur ihn und seinen Justizminister, die in der Rechtssprechung unterrichtet waren. Diese Arbeit nahm die meiste Zeit in Anspruch.



Dann geschah das nicht Erwartete. Einer der Regulatoren übertrat seine Kompetenzen. In geheimen Botschaften verleumdete er Mitglieder des künstlichen Hauses und schrieb Briefe in fremden Namen. Die Botschaften waren verschlüsselt, die Adressen falsch und geklaut, so dass niemand ahnte, dass es ein intriganter Regulator war. Man beschuldigte sich gegenseitig. Das Haus drohte auseinanderzubrechen. Niemand ahnte, wer der Täter war, niemand verstand warum solche Dinge passierten. Aber die Wahrheit kam trotzdem ans Licht. Einige zerstrittene Untertanen wandten sich an den König und baten ihn, das Problem für sie zu lösen. Der König zog sich mit dem Justizminister zurück. Sie hatten eigentlich keine Zeit für ein langwieriges Verfahren und beschlossen deshalb, das Verfahren nicht durchzuführen. Sie fanden einen Paragraphen, der für leichte Vergehen eine Beendigung des Streites mit dem Hinweis an den Beklagten, sich zu bessern und die königliche Aufbewahrung der eingereichten Papiere für einen sehr langen Zeitraum erlaubte. Das war kein Freispruch, aber auch kein Schuldspruch. Der König wusste das. Er war aber ein optimistischer Mensch und glaubte an das Gute in seinen Untertanen. So schrieb er dem Regulator einen Brief:



Geehrter Regulator,

wir sind enttäuscht von deiner egoistischen Arbeitsweise. Ab sofort wirst du nie mehr als Regulator eingesetzt. Da wir aber wissen, dass du kein abgrundböser Krimineller bist und wir mit unserer Zeit wirklich schwerwiegende Fälle lösen müssen und weil du bisher noch nicht einschlägig negativ in Erscheinung getreten bist, stellen wir das Verfahren gegen dich ein. Dein Verschulden ist gering. Deshalb besteht kein königliches Interesse an der Strafverfolgung. Wir erwarten, dass du durch das bisherige Verfahren hinreichend gewarnt und beeindruckt bist. 

König aller Untertanen dieses wunderbaren Landes




Von diesem Tag an trat der König nicht mehr im Haus in Erscheinung. Er beobachtete nur noch, wählte seine Regulatoren gewissenhaft aus. Leider zogen sich seine Untertanen nach und nach aus dem Haus zurück. Täglich hatten sie mit den Fremden zu tun, die sie beleidigten und überheblich über ihre Kultur sprachen. Manchmal verirrten sich einige Untertanen zufällig in das Haus. Aber auch diese blieben nie lange. Einige wenige Untertanen hielten dem Haus die Stange. Ihre Gründe blieben für immer ungewiss. Vielleicht waren sie wie ihr König unverbesserliche Optimisten. Und manchmal äußerst selten hatten sie Erfolg und fanden jemanden, der sie akzeptierte, wie sie waren. Dann entstanden tiefe, loyale, herzliche Freundschaften, wie es der König bei der Errichtung dieses Hauses erträumt hatte. 

So bestand das Haus jahrein und jahraus fort. Und wenn es nicht durch seine Bewohner zerstört wurde, existiert es noch immer irgendwo dort draußen im Reiche eines Königs der großmütig, verständnisvoll, zuversichtlich, gerecht, optimistisch, großherzig und tolerant ist. Der, obwohl er weiß, dass viele der Fremden sein Volk verachten und sich in seinem Land nicht wohl fühlen, diese Fremden toleriert. 



Prolog - ein kurzer

Wer bis hierher gelesen hat, dem danke ich herzlich. Ihr habt längst verstanden, dass diese Geschichte reine Fantasie und weit entfernt vom realen Leben ist. Möglicherweise findet ihr die eine oder andere Idee, wie man das Leben besser als die Untertanen, die Fremden und die Regulatoren im Reiche des hoffnungsvollen Königs gemeinsam mit Respekt und Achtung voreinander gestalten kann. 


Ähnlichkeiten der handelnden Personen mit Usern aus dem Forum sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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#16
[Bild: FIVE-STARS.jpg] 


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#17
sara_may 
Registriert: 28/05/2001 


Die goldene Sonnenblume

Schon sehr lange bevor die goldenen Sonnenblumen zu strahlen begannen, herrschte im sonnigen Königsreich ein König. Er war gut für das Volk. Im Land herrschten Glück und Zufriedenheit wie im Märchenland.

Er hatte vier Söhne und eine einzige Tochter. Eine Tochter so schön wie eine Frühlingsblüte. So fröhlich wie ein Kind, lebendig wie das brausende Meer und warm wie der Sonnenstrahl. Der König machte sich zunehmend große Sorgen um seine Tochter, denn die Prinzessin wollte nicht heiraten.

Keiner der Prinzen, ob groß oder klein, ob hell- oder dunkelhaarig, gefiel ihr. 



Da der Vater nicht aufhörte sie zu fragen und mit den Fragen bereits nervte antwortete sie stets: "Mir gefällt nur der Sohn der Sonne." 

"Wer ist den das?? fragte der König neugierig. "Wo ist er zu finden dann hole ich ihn egal wo er sich befindet". 

„Nein, nein“ sagte die Tochter „ ich muss ihn selber finden und er muss zu mir finden sonst will ich ihn nicht". 



so ging es über lange Zeit.



Eine Tages geriet der König in Zorn und rief: 

"Also gut! geh und nimm Dein Sohn der Sonne zum Gemahl, aber ich Dein Vater will Dich mit Deinem Sohn der Sonne hier nicht wieder sehen, nie wieder sehen!" 



Die Prinzessin war traurig. Sie war sehr traurig dass der Vater sie nicht mehr bei sich haben wollte und leicht auf sie verzichten konnte ..und doch machte sie sich auf den weg auf der suche nach dem Sohn der Sonne. 



Sie hatte keine Vorstellung wo sie suchen sollte. Sie wanderte nach Osten, über berg und Tal, durch Wald und durch wüste, Tage lang, Monate lang, bis sie zu dem höchsten Berg gelangte, auf dem die Sonne ihren prachtvollen wunderbaren Palast hatte.



"Was suchst du hier hübsche Frau?" fragte dort eine schöne alte Frau und begrüßte sie Herzlich. 

"Ich möchte zum Sohn der Sonne", erwiderte die Prinzessin und erzählte warum ihr Vater sie aus dem Haus gejagt hatte. 

Die alte Dame fand an der jungen Frau Gefallen. 

"Ich bin die Sonne", sagte sie und ich gebe Dir meinen Sohn zum Gemahl ..Aber wenn Du bei ihm bleiben willst, darfst Du ihm niemals ins Gesicht schauen. 

Du wirst nur seine Augen zu sehen bekommen!“ 



„Warum???“ fragte die Prinzessin überrascht.

Die Sonne antworte dass es eine Bedingung sei, die ihr Sohn gestellt hatte und er wäre dickköpfig und stur. Er selbst will entscheiden wann er sich enthüllt und seine Geheimnisse offenbart. Sie, die Prinzessin müsse der Sonne vertrauen oder wieder gehen. 

Die Prinzessin überlegte lange. Sie wollte wissen was das verborgene Geheimnis sei. Tausende Gedanken und Erklärungen, doch nichts gab ihr antwort und Frieden. 

Ratlos versprach die Prinzessin alles zu tun nur um mit dem Sohn der Sonne zu leben. Diese Geheimnisse um seine Person machten ihn anziehend. 

Lange Zeit hielt sie ihr Versprechen. Doch in ihrem Herzen dachte sie andauernd an diese Geheimnisse. 

Was mag er wohl verbergen? fragte sie sich immer wieder. 

„Ist er Hässlich? Hat er Narben? Stimmt etwas mit seiner Mimik nicht?

Ist er vielleicht schüchtern? 

Nein all das kann nicht sein´!

Sie hatte Tausende male die Sonne nach dem Aussehen ihres Sohnes gefragt. Sie konnte sich gut vorstellen wie er aussah. Nein an seinem Aussehen lag es auch nicht. 

Schüchtern war er auch sicher nicht!



So machte sich die Prinzessin Tage und Nächte Gedanken ohne eine Lösung zu finden. Es wurde zu einer Obsession und die Prinzessin kam von den Gedanken, die immer negativer wurden nicht mehr los. In ihrem Herzen war und wurde sie immer trauriger. Etwas tun wollte sie. 

Aber was?!



Sie könnte bestimmt mit der Zeit dem Sohn der Sonne überreden sich ihr zu zeigen. Es braucht alles nur zeit...

Vielleicht muss sie ihn in der richtigen Stimmung erwischen..

Vielleicht einfach abwarten..

Vielleicht mit Argumenten überzeugen.. 

Vielleicht ihm Schuldgefühle einreden.. 

Vielleicht.. vielleicht.. vielleicht.. vielleicht..



Ein ganzes Jahr lebte sie mit dem Sohn der Sonne glücklich und zufrieden. Doch neugierig wie sie nun mal war ließen sie die Gedanken nicht in Ruhe und machten sie manchmal sehr zornig. 

„Warum soll ich dem Sohn der Sonne nicht ins Gesicht sehen dürfen? Schließlich ist er mein Gemahl. Das ist unfair!“ dachte sie immer wieder. 



Der Sonne fiel ihre Nachdenklichkeit auf. Mitleidig sagte sie: 

"Ich weiß, was dich quält und gebe dir einen guten rat. Jeden Tag wenn mein Sohn heimkehrt geht er zu seinem Zimmer da ganz oben. 

Dort geht nie jemand rein. Auch Du darfst nicht dahin. Das Zimmer ist verschlossen und nur er hat den Schlüssel dafür. Es ist seins , nur seins und er duldet dort keine neugierige Blicke. Doch wenn er heimkehrt zieht er seine Kleider und seine Kopfbedeckung ab und er wäscht sich ausgiebig kämt sich die lange Haare und zieht saubere Kleider an bevor er dann zu Dir kommt. 

Das ist sein tägliches Ritual. 



Dort wenn Du am Fenster stehst, genau gegenüber vom Fenster ist ein Spiegel. Du kannst Dir sein Spiegelbild ansehen. 

Aber eines merke Dir.. Er darf Dich nicht sehen! 

Wenn Du zu lange dabei verweilst, wird er es bemerken und dann wird es nicht mehr gut sein. Es wird Euch schlecht gehen. Höre was ich Dir sage! 

Du musst auf mich hören und Dich verhalten wie ich es Dir empfehle, betonte die Sonnenmutter 

Die Prinzessin tat, wie die Sonne ihr geheißen. Als der Sohn der Sonne abends heimkehrte und sein heimlicher Raum aufsuchte machte sich die Prinzessin leise dahin, stand an Fenster und wartete ungeduldig.



Im Spiegel zeigte sich das Gesicht ihres Gemahls. Er war so schön und freundlich, ihr Herz schlug laut und schnell. Sie war glücklich und in ihrem Glück vergaß sie die Warnung der Sonnenmutter. Sie sah sich tatsächlich das Spiegelbild so lange an, bis ihr Gemahl es im Spiegelbild bemerkte. 

Zornig rief er: Was machst du dort? Du hast Dein versprechen nicht gehalten, Du hast mein Vertrauen gebrochen. Du wusstest was du nicht tun darfst. 

Mein Herz hast Du gebrochen. Weh tut es. 

Nun gut, es ist Deine Entscheidung. Ja, Du hast es so entschieden. Ich kann Dich hier nicht mehr haben!"



Und er vertrieb die Prinzessin aus dem Sonnenpalast. 



Die Prinzessin war traurig, vor allem traurig über die Härte des Sonnensohns. Wie konnte er schnell vergessen dass sie sehr glücklich miteinander waren?

Wie konnte er erwarten dass sie lange mit ihm lebt ohne sich sein Gesicht ansehen zu dürfen.

Sie wusste sie war am Anfang damit einverstanden.. aber..

Doch sie wusste auch dass es keinen zurück mehr gab. 

Langsam und traurig lief sie müde und gebrochen den langen Weg über Stock und Stein. Doch weit ist sie nicht gekommen. 



Als sie über ein großes offenes Feld lief, setze sie sich kurz dahin und schaute sich die Sonne an. Es war heiß und die Sonne schien Sie anzulächeln. Ihr Herz wurde warm und sie vergaß für einen Herzschlag ihr Trauer. Sie lächelte die Sonne an. 



Die Sonne mochte die Prinzessin, sie erbarmte sie und verwandelte sie in eine hochragende Pflanze mit einer großen wunderschönen gelben Blüte. 

Die große gelbe Blume drehte sich sogleich der Sonne zu, strahlte sie und lächelte sie dankend an..

..und das macht sie heute noch. 


Die Menschen nannten sie Jahre später die Sonnenblume
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